Roth und Gürzenich

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Foto: Holger Talinski

Musikalisierte Vulkane der Tiefsee

Francois-Xavier Roth mit einem Meer-Konzert beim Gürzenich-Orchester in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 7. Mai 2017) Das Meer ist ein besonders faszinierendes Lebensareal der Erde, freilich eines mit zwei Gesichtern. Eine stille, sonnenüberglänzte Wasserfläche suggeriert Frieden, doch häufiger zeigt sich das Meer als ein Ungeheuer, wie es in Webers „Oberon“ heißt. Diese „Ozeanarie“ ist nur eines von vielen Musikstücken, welche das heterogene Erscheinungsbild des Meeres in Töne zu fassen suchen. Das jüngste Gürzenich-Konzert, geleitet von Francois-Xavier Roth, bot eine sinnfällige Kollektion.

Mit am kontrastreichsten geben sich fraglos Benjamin Brittens „Four Sea Interludes. Malerisch, farbensatt und instrumentatorisch raffiniert ist diese Musik. Sie bietet Aura, ja Magie. Roth verstand es, ihren reichen Kosmos mit dem bestens disponierten Gürzenich-Orchester (heikle Unisoni der Violinen gleich zu Beginn) auf suggestive Weise Klang werden zu lassen.

Ein ganz besonderes Händchen hat der Franzose natürlich für das Flair französischer Musik. Das „Spiel der Wellen“ aus Claude Debussys „Le mer“ wirkt in Maurice Ravels „Une barque sur l’océan“ auf sanfte Weise vorweg genommen. Durch Forteaufschwünge wird zwar aus der schmalen Barke mitunter ein regelrechtes Schiff, aber Ravels original für Klavier konzipierte, sich im Orchestergewand indes noch besser machende Tondichtung en miniature (sieben Minuten) murmelt musikalisch doch eher, als dass sie gebieterisch aufrauscht.
Das freilich ist bei Debussys sinfonischen Skizzen, attacca auf Ravel folgend, häufiger der Fall, und nicht nur die choralartigen Passagen eines Hornquartetts sorgen für dramatische Zuspitzung. Ravels stark piano-orientierte Musik versorgte Francois-Xavier Roth mit fein abgestuften, sublimen Klangvaleurs. Bei Debussy ließ er, bildlich gesprochen, auch die Vulkane der Tiefsee spüren.

Über Unsuk Chins für eine Gesangsakrobatin geschriebenes „Le silence des Sirènes“ (2014) musste man das Programmheft schon etwas genauer lesen, um die Nähe zum Thema Meer zu erfahren. Von den Homer- und James-Joyce-Texten verstand man leider nichts, und Stimmungszauber beabsichtigt das Werk kaum. Naturhaftes wird mehr und mehr in sich selbst genügende Wortmusik überführt. Man staunte vornehmlich, was in der Kehle von Donatienne Michel-Dansac alles an Gurrlauten und Sprachartistik steckte, Respekt. Man hatte sie unter Roths Leitung bereits vor einigen Tagen mit Georges Aperghis »Pubs-Reklamen« im Rahmen von „Acht Brücken“  erleben können. Unsuk Chin war bei diesem Festival sogar eine regelrechte Leitfigur.

Eine weitere Gesangsnummer folgte als Zugabe. Das Charles-Trenet-Chanson „La mer“ stimmte Francois-Xavier Roth höchstpersönlich an, mit gut tragender Stimme übrigens. Die Zuhörer gerieten schier aus dem Häuschen.



Münchner Philharmoniker


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