Rossinis Tell in Wien

Rossinis große Freiheitsoper in weniger hellem Licht

Thorsten Fischer relativiert Rossinis „Guillaume Tell“ am Theater an der Wien

Von Derek Weber

(Wien, 18. Oktober 2018) Nicht immer versteht man, was der Regisseur meint. Selbst Thorsten Fischers Erläuterungen im Programmheft des Theaters an der Wien nützen da wenig. Am Anfang liegt Schnee auf der Bühne. Er wird von vermutlichen Schweizern weggekehrt. Später stürzen auf einer Leinwandprojektion viele brennende Kampfflugzeuge ab. Die flirrende Leinwandprojektion geht lange weiter. Naturalismus ist es wohl nicht, was man sieht, aber es stumpfte ein wenig ab. Auch dass höchst plakative „Tatort“-Polizisten und die gesslerischen Bösewichte als Quasi-SS-Offiziere ihren Teil des Unwesen treiben, nimmt man irgendwann resigniert zur Kenntnis.

Aber der von den alten Totalitarismustheorien gezeichneten Sicht des Regisseurs auf einen Konflikt, in dem es angeblich nicht um Freiheit und Unterdrückung geht, kann man dennoch nicht ganz folgen. Da kämpfen die einen bösen Gewalttäter (das aufrührerische Volk um Wilhelm Tell) gegen die andere aggressive Fraktion, die unterdrückerische Soldateska der habsburgischen Herrschaft.
Ganz so war das vermutlich weder von Friedrich Schiller, noch von Gioacchino Rossini gemeint. Vor allem aber spricht die Musik eine andere, deutliche Sprache.

„Si tacuisses, philosophus mansisses“, kann man da nur in lateinischer Manier sagen.
Nicht wirklich umwerfend war auch die tempomäßig etwas einförmige Performance des venezolanischen Dirigenten Diego Matheuz, die zudem in den raschen Abschnitten auf unsicherem Grund stand. Der große Fels in der Brandung war wie immer der Arnold Schoenberg Chor, der für den nötigen schweizerisch-aufrührerischen Schmiss sorgte. Denn genau besehen hat Rossini mit seinem „Wilhelm Tell“ den Boden für Giuseppe Verdi bereitet. Seine Musik ist mit Gewissheit „revolutionärer“, mit revolutionärem Pathos aufgeladener, als etwa jene von Verdis „Nabucco“ oder „Attila“.

Gut gezeichnet von der Regie sind die Frauengestalten, die die sozusagen „menschliche“ Seite des Aufstandes repräsentieren (auch sängerisch hörenswert: Jane Archibald als habsburgische Prinzessin Mathilde). Unter den tragenden Rollen gab es generell keinen Schwachpunkt. John Osborn kam mit der heiklen und hohen Partie des Arnold gut zurecht, Christoph Pohl sang einen überzeugenden Guillaume Tell, Anita Rosati sang und spielte Tells Sohn Jemmy berührend, und Ante Jerkunica gab den bösen Gesler mit der nötigen stimmlichen Bass-Schwärze.

Die wunderbare Ballettmusik wurde gestrichen. (Da hat man vor Jahren in Pesaro eine dramaturgisch überzeugende Umsetzung unter der Regie von Graham Vick gesehen, die das Ballett als integralen Bestandteil der Oper zu präsentieren verstand. Aber das hätte nicht zum aktuellen Wiener Konzept gepasst. Dafür sind hier die dramatischen musikalischen Finessen der Oper besser sichtbar.
Schade nur, dass das wenig überzeugende Regie-Ende der Oper – eine persönliche Ranglerei zwischen Tell und Gesler – sehr in der Luft hängt. So wird im wahren Sinn des Wortes aus dem Theater „entlassen“.

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