Rossinis Mosè in Bregenz

Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Biblisches im Miniatur-Format

Statt „Carmen“ sollten die Bregenzer Festspiele lieber diese Oper am See spielen – immerhin kommt darin viel Wasser vor: Rossinis „Mosè in Egitto“ im Festspielhaus mit den Wiener Symphonikern.

Von Klaus Kalchschmid

(Bregenz, 23. Juli 2017) Es ist das spektakuläre musikalische Ende von Gioacchino Rossinis „Mosè in Egitto“ in der italienischen Erstfassung von 1819, aber eigentlich uninszenierbar: Die Teilung des Roten Meeres für Flucht und Rettung der Hebräer sowie das anschließende Verderben der sie verfolgenden Ägypter, als das Wasser wieder zusammenfließt. Doch das niederländische Theaterkollektiv „Hotel Modern“ stellt schon die Begegnung der beiden Heere und dann dieses Geschehen nach der Bibel mit unzähligen kleinen Püppchen aus Draht, Papier und Wachs minutiös nach, filmt das Ganze live und projiziert es auf Gaze, die die Bühnenbreite füllt – mit überwältigender Wirkung, wenn plötzlich in der Gischt die vielen kleinen Ägypter-Püppchen im sprudelnden Wasser durcheinander wirbeln.

Bereits zu Beginn überraschte der Moment, wenn sich über das Modell einer ägyptischen Metropole die Finsternis wie ein Tuch breitet. Am Ende des ersten Akts brechen Sturm und Feuer über die Ägypter herein, allein mit den Miniatur-Püppchen und den sie umgebenden Häusern und Palastfluchten wird immer wieder verschiedenste Aktion gezeigt, statischer Prunk (ein veritabler goldener Tempel) oder dynamische Gewalt bis hin zu Mord und Vergewaltigung.

Dagegen bleibt das Geschehen, das auf der Drehbühne um eine große, wabenförmige Kugel (die oftmals als Projektionsfläche dient) inszeniert wird, mächtig zurück und zerfällt nicht selten in unfreiwillige, aktionistische Parodie. Das liegt an der unbeholfenen Personenregie von Lotte de Beer, die allen Ernstes auch noch die Puppenspieler Herman Helle, Arlène Hoornweg und Pauline Kalker immer wieder bei den zahlreichen großartigen Ensembles die Sänger zu Tableaux arrangieren oder anders in die Handlung eingreifen lässt. Und es wird verstärkt durch die altmodischen, so hübsch künstlich verdreckten Kostüme (Ausstattung: Christof Hetzer), die auch aus einem B-Movie oder einem 1950er-Jahre-Fundus stammen könnten.

Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Hätte Moses nicht – nach der Nr. 2 („Ewiger, allmächtiger, unfassbarer Gott“) am Ende das große, beeindruckende Gebet mit Chor zu Beginn des kurzen dritten Akts (erst ein Jahr nach der Uraufführung komponiert und heute die berühmteste Nummer), man wüsste nicht, warum die „Azione tragico-sacra“ nach ihm benannt ist. Aber der junge kroatische Bassist Goran Jurić von der Bayerischen Staatsoper besitzt mit Abstand die größte Bühnenpräsenz – sei es mit natürlich fließender sängerischer Autorität oder ebenso unaufdringlicher Souveränität als Figur. Sein Gegenspieler, der Pharao, ist ihm in Gestalt des britischen Bassbaritons Andrew Foster-Willams fast ebenbürtig. Doch weil Rossini und sein Textdichter Andrea Leone Tottola eine ausufernde Liebeshandlung hinzuerfanden, die sich zwischen dem Sohn des Pharaos namens Osiride (Sunnyboy Dladla mit leichtem, hellem, in der Intonation nicht immer bombensicherem Tenor, der in der Höhe etwas flackert) und der Hebräerin Elcia (Clarissa Costanzo mit glühendem, auch in Mittellage und Tiefe tragfähigem Sopran, der manchmal etwas scharf klingt) abspielt, nehmen Rossini-typische Arien und Duette viel mehr Raum ein als der aus der Bibel bekannte politische Konflikt und der zwischen zwei verfeindeten Völkern. Aronne (also Aaron) und seine Schwester Amenofi sind mit Matteo Macchioni und Dara Savinova ebenso jung wie überzeugend besetzt.

Neben dem exzellenten Prager Philharmonischen Chor ist der Star des Abends das Orchester. Die Wiener Symphoniker – auf der Seebühne auch noch fast täglich mit „Carmen“ beschäftigt – spielen unter dem fabelhaften Enrique Mazzola mit einer feinen Geschmeidigkeit im Kollektiv und einer berückenden Schönheit in den vielen Instrumental-Soli. Alles klingt biegsam, rund und flexibel und hat doch Verve und große Lebendigkeit.

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