Schwabs Regie erschöpft sich freilich nicht in Symbolismen - wie irrlichternden Lüstern, Steh- und Taschenlampen -, sondern lässt das Liebespaar ebenso natürlich - barfuss - wie traumwandlerisch telepathisch agieren: in identischen oder sich ergänzenden Körperhaltungen und -bewegungen. Ein großer, kreisrunder Ausschnitt, der aussieht wie der obere Teil eines gigantischen Schlüssellochs, bestimmt die Bühne (Karin Fritz). Er bietet Ausblicke auf Spiegel oder irreal vorbeiziehende Balkone, lässt sich segmentieren und gleicht am Ende, wenn die Drehbühne die Gruft rotieren lässt, den Wänden einer Ruine, in der unter Plastikplanen die untoten Musiker modern - und Julia wieder zum Leben erwacht.
Mit Christine Buffle und Aldo di Toro steht ein Traum-Liebespaar auf der Bühne, beide mit großer Differenzierungskunst singend und spielend, auch wenn Buffle oft nicht ihrem gehaltvollen, im Mezzopiano wunderbar klingenden Sopran vertraut und gelegentlich zu einer Intensität neigt, die ihre Stimme strapaziert erscheinen läßt. Aldo di Toro vermag mit großem Schmelz, warmem und höhensicherem Tenor den schwärmerischen Liebenden wie den am Ende zutiefst Verzweifelten herzzerreißend zu singen und zu spielen. Auch die Nebenrollen sind unter anderem mit dem jungen Tenor Martin Mitterrrutzner (Tybalt), der wunderbaren Mezzosopranistin Lysianne Tremblay (Stéphano) oder dem intensivem Bariton Sébastien Soules (Capulet) glänzend besetzt, nicht zu vergessen der exzellente Chor und Extrachor des Landestheaters.
Alexandar Markovic gelingt mit dem Tiroler Symphonieorchester eine zunehmend klarer und feiner, aber auch immer weicher, wärmer und intensiver konturierte Aufführung. Der junge Dirigent überlässt Gounods französische Raffinesse nicht nur den in der Originalsprache singenden Sängern, sondern fordert sie mit Erfolg auch von jedem einzelnen Instrumentalisten.
Klaus Kalchschmid
Aufführungen am 19. und 28. Juni (19.30 Uhr)
www.tiroler-landestheater.at