Licht-Zauber in Blau

Fotos: Tiroler Landestheater

Gounods "Roméo et Juliette" ergreift in Innsbruck betörend die Sinne

(Innsbruck, 15. Juni 2008) Charles Gounods Oper nach Shakespeares großem, immer wieder tief berührendem Liebesdrama ist ein intimes Stück, das gut in ein kleines Haus wie das Tiroler Landestheater passt. Junge, außerordentlich musikalisch gestaltende und sich bewegende Sänger, dazu ein immer feiner und durchsichtiger spielendes Orchester: Mehr braucht es nicht für Opern-Glück jenseits des Gesangstar-Rummels, einer teuren Ausstattung und hochdotierten Instrumentalisten.

Überzeugend schon die Entscheidung des Regisseurs Roland Schwab, kein üppiges Renaissance-Gemälde auf die Bühne zu bringen, sondern einen faszinierenden modernen (Alp-)Traum aus blau-violettem Licht hinter Gaze-Schleiern. Die großen Chor-Szenen entwickeln so eine gespenstische Realität und stellen eine immerwährende Bedrohung dar, verbirgt sich doch die aggressive Masse nicht selten hinter Strumpfmasken wie Verbrecher. Diese Gesichtslosigkeit prägt auch die lemurenhaft sich auf der Bühne stumm bewegenden und wälzenden Musiker - vielschichtige Chiffre für ein Zwischenreich jenseits von Leben und Tod, aber auch für die unerreichbare Utopie der Liebe zwischen Roméo und Juliette in der Kunstwelt der Musik.

Daher versuchen die stummen Musiker den Zusammenstoß zwischen den verfeindeten Familien der Capulets und Montagues zu verhindern; deshalb stirbt ein Geiger, dessen Bogen zur Waffe wird, neben Tybalt; darum versucht Julia den sterbenden Roméo wiederzubeleben, indem sie vergeblich versucht, die einzelnen Musiker wieder aufzurichten und darum schneidet sie sich schließlich die Pulsadern an einer Harfe auf.

Christine Buffle und Aldo di Toro

Schwabs Regie erschöpft sich freilich nicht in Symbolismen - wie irrlichternden Lüstern, Steh- und Taschenlampen -, sondern lässt das Liebespaar ebenso natürlich - barfuss - wie traumwandlerisch telepathisch agieren: in identischen oder sich ergänzenden Körperhaltungen und -bewegungen. Ein großer, kreisrunder Ausschnitt, der aussieht wie der obere Teil eines gigantischen Schlüssellochs, bestimmt die Bühne (Karin Fritz). Er bietet Ausblicke auf Spiegel oder irreal vorbeiziehende Balkone, lässt sich segmentieren und gleicht am Ende, wenn die Drehbühne die Gruft rotieren lässt, den Wänden einer Ruine, in der unter Plastikplanen die untoten Musiker modern - und Julia wieder zum Leben erwacht.

Mit Christine Buffle und Aldo di Toro steht ein Traum-Liebespaar auf der Bühne, beide mit großer Differenzierungskunst singend und spielend, auch wenn Buffle oft nicht ihrem gehaltvollen, im Mezzopiano wunderbar klingenden Sopran vertraut und gelegentlich zu einer Intensität neigt, die ihre Stimme strapaziert erscheinen läßt. Aldo di Toro vermag mit großem Schmelz, warmem und höhensicherem Tenor den schwärmerischen Liebenden wie den am Ende zutiefst Verzweifelten herzzerreißend zu singen und zu spielen. Auch die Nebenrollen sind unter anderem mit dem jungen Tenor Martin Mitterrrutzner (Tybalt), der wunderbaren Mezzosopranistin Lysianne Tremblay (Stéphano) oder dem intensivem Bariton Sébastien Soules (Capulet) glänzend besetzt, nicht zu vergessen der exzellente Chor und Extrachor des Landestheaters.

Alexandar Markovic gelingt mit dem Tiroler Symphonieorchester eine zunehmend klarer und feiner, aber auch immer weicher, wärmer und intensiver konturierte Aufführung. Der junge Dirigent überlässt Gounods französische Raffinesse nicht nur den in der Originalsprache singenden Sängern, sondern fordert sie mit Erfolg auch von jedem einzelnen Instrumentalisten.

Klaus Kalchschmid

Aufführungen am 19. und 28. Juni (19.30 Uhr)

www.tiroler-landestheater.at