Rihm in Basel

Anschwellende Kissen

Keine Ruh‘ trotz Riesenkissen: Renate Behle als Penthesilea. Foto: Peter Schnetz.

"Drei Frauen" von Wolfgang Rihm im frisch zum Opernhaus des Jahres gekürten Theater Basel
(Basel, 29. September 2009) Im Mai hat er im Schwetzinger Rokokotheater Wolfgang Rihms "Proserpina"-Vertonung zur Uraufführung gebracht, nun wirkte der Basler Theaterdirektor (und Opernchef der Schwetzinger Festspiele) Georges Delnon als Regisseur im Triptychon "Drei Frauen" desselben Komponisten. Wer da an Synergien denkt, hat nicht unrecht. Wichtiger noch: Die Schwetzinger "Proserpina" wurde von den Kritikern der Zeitschrift "Opernwelt" zur Uraufführung des Jahres ernannt, das Theater Basel, als erstes Schweizer Haus, gar zum Opernhaus des Jahres.
Wolfgang Rihm hat mit "Drei Frauen" keine neue Oper geschrieben. Vielmehr ist der eineinhalbstündige Abend eine Zusammenführung dreier früherer Frauenmonologe aus den Jahren 2001 bis 2005. Neu sind die eingefügten Zwischenspiele. Die Abfolge in "Drei Frauen" ist dennoch schlüssig, zeigen sie doch drei heroische Gestalten – Ariadne, Botho Strauss‘ Anita und eine Penthesilea – in enger Verwandtschaft. Fast könnte man denken, Rihm habe beim Schreiben an eine Ensuite-Aufführung gedacht: Seine Anforderungen an die drei Stimmen steigern sich, die Musik wird von Mal zu Mal "schwerer", intensiver, ohne ihre innere Verwandtschaft aufzugeben. Das spiegeln auch Delnons Regie und die Besetzung, die der Basler Operndirektor Dietmar Schwarz mit sicherem Instinkt gefunden hat.
"Aria/Ariadne" von 2001 spielt sich im von Pausen durchwirkten, leichten Klangkostüm eines kleinen Orchesters ab. Filigrane Streicher, hier ein entschwebendes Hornsolo, da eine gesungene Oboe – in dieser Umgebung kommt die instrumental präzise, kleine, aber gut projizierende Stimme von Yeree Suh bestens zur Geltung. Hoffend, ein wenig zornig, schliesslich sogar erschrocken singt sich die auf Naxos Verlassene einen Gott herbei. Auf ihrem Kissen mimt sie dabei schon mal eine Scheingeburt. Der Gott (Rolf Romei) steht schliesslich im Parkett auf, stammelt sich Ariadne mit goldener Brust entgegen und verschwindet wieder. Eine versengende Kurzbegegnung, die Rihms Ariadne mit den Worten "Oh, komm zurück" kommentiert – anhören tut sich das wie ein todessüchtiger Bach-Choral.
Im zweiten Teil, "Das Gehege" von 2004 (uraufgeführt 2006 in München), ist nicht nur das Kissen schon fast auf Raumgröße angeschwollen. Auch in der nun größer besetzten Musik wird hier ein deutlich expressiver Ton angeschlagen. Bedrohlich wachsen die Crescendi ins Fortissimo, kippen um in eine falsche Idylle sordinierter Streicher. Rayanne Dupuis singt mit dramatischem, aber etwas trübem Sopran die Figur der Anita. Sie stammt aus Botho Strauss‘ Stück "Schlusschor": eine reifere Frau, die sich in einer Welt des Umbruchs zurechtzufinden versucht. Politisch-symbolisch ist der (Reichs)-Adler zu verstehen, den sich Anita herbeiwünscht. Um dann, wenn stattdessen die Neonazis aus dem Wandschrank stiefeln, doch zu erschrecken – so lieber nicht! Genial spiegelt Rihms Musik die Nähe von Triumph und Hybris, von Machtlust und -angst. Delnons Regie greift hier zu deutlichen Symbolen. Vom Schäferhund bis zum Hitlergruss fehlt nix.
Frischer wirkt wiederum der dritte Akt mit dem "Penthesilea Monolog" (2005), in dem Renate Behle eine hervorragende Amazonenkönigin gibt. Wir sehen sie, auf dem nun gigantischen Kissen, im Moment "danach", nach dem Mord an Achilles. Verstört und großartig ist diese Frau zugleich. Die Musik, die Behle mit ihrer starken und dabei wunderbar klaren Stimme dominiert, dräut dunkel ins Bewusstsein nach.
Vom ersten "Ariadne"-Teil bis hierher tauchen verschiedentlich Anklänge an Richard Strauss (auch er ein großer Frauenopern-Komponist) an. Auch Alban Berg oder Olivier Messiaen hört man durch – klangsatte, expressionistische Musik, die indes nie überladen ist. Darin liegt nicht nur Rihms Kunst, sondern, in der Basler Premiere, auch diejenige der klar gestaltenden Regie George Delnons. Mit dem einfachen Mittel der Kissenanschwellung und seinem klug ausgeleuchteten (beziehungsweise verschatteten) Bühnenraum überraschte Bühnenbildner Roland Aeschlimann. Lob gebührt auch dem Sinfonieorchester Basel, das unter André de Ridder so präzis wie initiativ spielte und wesentlich zum intensiven Erlebnis dieses Abends beitrug.
Benjamin Herzog
www.theater-basel.ch

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