Riccardo Primo

Klein und fein

Eine beglückende, weil stilgerechte Aufführung von Händels Oper „Riccardo Primo“ durch das Hassler-Consort am Theater Ulm
Von Laszlo Molnar
(Ulm, 5. April 2017) Es gibt viele Wege zu Händels Opern. Aber im Zentrum des Interesses, sei es bei einer konzertanten Aufführung oder bei einer voll aufgerüsteten Inszenierung im Opernhaus, steht doch immer die geniale Musik. Sie ist es, die Musiker wie Publikum immer wieder zu Händel hinzieht. Wären es die meist abstrusen Handlungen seiner Opern, dann würden Werke von Reinhard Keiser oder von Telemann genauso viel Aufmerksamkeit genießen. Leider gehen die Schüsse auf Händel trotzdem häufig daneben. Zu viel ist bei ihm meist tatsächlich zu viel. Wie es mit wenig richtig gut geht, das zeigt die Produktion von „Riccardo Primo“ am Theater Ulm. Leider ist sie nur noch einmal zu sehen, und zwar kommenden Samstag (8. April).
Das liegt daran, dass die Aufführung nicht vom Theater selbst, sondern vom Verein Alte Musik Ulm veranstaltet wird. Dieser Verein zur Förderung der Alten Musik in Ulm unterhält mit dem „Hassler-Consort“ ein Barockensemble in Residence, das regelmäßig bei Veranstaltungen des Vereins zu hören ist. So steht auch im Zentrum dieser Aufführung das Ensemble selbst. Das ist wörtlich zu nehmen: Der Orchestergraben ist hochgefahren und die 25 Musikerinnen und Musiker unter der Leitung des Gründers Franz Raml sitzen jederzeit sichtbar im rechten Drittel. Allein das ist ein großer Gewinn bei dieser Produktion: Das Orchester agiert wunderbar lebendig, den Musikern zuzusehen ist eine ebenso große Freude, wie ihnen zuzuhören. Womit schon ein wesentlicher Teil über die musikalische Qualität der Aufführung gesagt ist. Sie bietet rundum, die ganzen drei Stunden Musik hindurch, erlesenene Interpretationskunst. Fesselt immer wieder die Aufmerksamkeit für Händels geniale Einfälle und seine Kunst der Verarbeitung; für solche Raffinesse der Details wie dem Einklang von Streichern und der Soloblockflöte in der ersten Arie des Oronte; für die subtile Pracht des Hörnerklangs im dritten Akt; oder für das spannungsgeladene Continuo-Spiel des Solocellisten Pavel Serbin. Das alles richtet das Hassler-Consort ganz duftig an, mit dieser für Händel kennzeichnenden Kombination von federnder Leichtigkeit und Präzision im Detail. Unverkrampft, unforciert, elegant und irgendwie natürlich-herb zugleich. Man wird erinnert an die großen Zeiten der historischen Aufführungspraxis mit Ensembles wie La Petite Bande, Academy of Ancient Music oder dem Leonhardt Consort.
Szenisch trifft die vom Ulmer Operndirektor Matthias Kaiser betreute Aufführung genau das richtige Maß. So viel Aktion, dass die Handlung präsent ist und im Fluss bleibt und so wenig, dass sie nicht von einem „Konzept“ überrollt wird. Wie weit Regie-Konzepte Händels Opern überformen können, das zeigte vor Kurzem „Ariodante“ in Stuttgart. Hier hingegen kluges Augenmaß und viel Witz: die Handlung um die Eroberung Zyperns durch Richard Löwenherz (Riccardo Primo) im Jahr 1191 auf dem Kreuzzug nach Jerusalem, der bei dieser Gelegenheit die ebenfalls in Zypern gestrandete Prinzessin von Navarra (in der Oper Costanza) heiratet, belassen Kaiser und Bühnenbildnerin Angela C. Schuett in der Zeit Händels.
Kostüme und Gesten genügen, um die Phantasie zu beflügeln und immer wieder aufs Neue anzuregen. Kaiser arrangiert die Figurenkonstellationen – es geht um Liebeswerben, um Verwechslung, Verrat, vermeintliche Untreue, aber auch um angedrohten Mord – mit großem Charme und Gespür für feinen Witz. Die Bühne, ein Podestaufbau über drei Ebenen, gibt den stilisierten Aktionen des Opernpersonals den richtigen Raum.
Den Protagonisten macht die Sache sicht- und hörbar Spaß. Der Kontratenor Yosemeh Adjei gibt die Titelpartie mit Temperament und einer genau geführten und kontrollierten Stimme. Die prima Donna des Abends ist Carla Nahadi Babelegoto als Pulcheria, die Tochter des bösen Zyprer-Königs Isacio. Mit ihrer geschmeidigen, kraftvollen und warmgetönten Mezzo-Stimme ist sie eine ideale Händel-Sängerin, eine die genauso das Herz wärmt wie sie das Ohr erfreut. Die Sängerin der eigentlichen Star-Partie der Oper, Katarzyna Jagiello als Costanza, zeigte sich in ihrer Stimmführung nicht ganz so souverän. Mindestens bis zum zweiten Akt brauchte sie, um zur (hier absolut unerlässlichen) Koloratursicherheit ihres Soprans auch Wärme und Farbe dazuzugeben. Schließlich gelangen ihr das Liebesduett am Ende des zweiten Aktes und ihre Arie der Verzagtheit im dritten Akt aber sehr berührend. In den Partien des Oronte, Isacio und Berardo gaben die George A. Bochow (Kontratenor), Clemens Morgenthaler (Bassbariton) und Achim Hoffmann (Bariton) sehr lebendige und temperamentvolle Darstellungen.
Die dreieinhalb Stunden Gesamtdauer vergingen ebenso kurzweilig wie intensiv. Hier wird Händel mit der Delikatesse geboten, derer seine Musik zu ihrer bezwingenden Wirkung bedarf. Mit romantischer Vergrößerung und modernen Regie-Theater-Konzepten ist Händels Opern nur in ganz wenigen Glücksfällen beizukommen. Der in Ulm gezeigte Weg des klein, aber sehr fein, scheint hingegen genau der richtige zu sein.
Noch eine Aufführung gibt es am Samstag, 8. April 2017, von 19 bis ca. 22.20 Uhr im Theater Ulm, www.theater.ulm.de, Kasse Tel. 0731/ 161 4444

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