Riccardo Chailly

Heiliger Ernst

Riccardo Chailly: Das Geheimnis liegt in der Stille – Gespräche über Musik
Von Robert Jungwirth

Auch wenn Riccardo Chailly seit Jahrzehnten zu den weltweit renommiertesten Dirigenten zählt, ist er bis heute ein eher skrupulöser Musiker geblieben, der  sich viel Zeit nimmt, um sich mit den Werken und ihren jeweiligen musikalischen Kosmen intensiv zu auseinander zu setzen, bevor er sie öffentlich dirigiert. Die Verantwortung dem Werk, dem Komponisten und auch dem Publikum gegenüber klingt aus fast allem, was Riccardo Chailly über Musik erzählt. Dabei ist es gleich ob es um Bachs Matthäuspassion oder Edgar Varèses Orchesterwerk „Ameriques“ von 1927 geht. Im Gespräch mit Michael Horst beschreibt der Dirigent offen und auch nach Jahrzehnten der Berufserfahrung mit der Haltung des Lernenden und Neugierigen die Prozesse der Annäherung an Komponisten und Werke, ihre Besonderheiten, Verbindendes und Trennendes. Und gesteht etwa freimütig, dass er vielleicht noch ein paar Jahre brauchen werde, bevor er sich den Symphonien Schostakowitschs im Konzert widmet. Es gebe ja auch Kollegen, die den Russen ganz hervorragend aufführten. Das ist eher ungewöhnlich in einem Buch über einen Dirigenten, die freimütige Würdigung von Kollegen zu lesen, angefangen mit Claudio Abbado, dessen Assistent Chailly mit zarten 19 Jahren wurde.

Man könnte meinen, dass dem Sohn des ehemaligen künstlerischen Direktors der Mailänder Scala der Weg als Profimusiker mehr als geebnet war, doch eher das Gegenteil war der Fall. Der Vater versuchte fast alles, seinen Sohn vom Wunsch, Musiker zu werden abzubringen. Doch alle von ihm aufgebauten Hindernisse und Prüfungen überwand der begabte Junge mit Bravour und so wurde er am Konservatorium von Perugia angenommen. Dabei verbanden sich bei Chailly schon früh zwei Eigenschaften sehr glücklich miteinander: eine natürliche, intuitive Beziehung zu klassischer Musik unterschiedlichster Couleur und ein geradezu heiliger Ernst in der Auseinandersetzung mit dem musikalischen Kunstwerk, was sich in dem Buch an vielen Stellen offenbart.

Auch wenn Chailly in dem Gesprächsbuch sehr persönlich über sein Verhältnis zu Werken und Komponisten erzählt, kann man als Leser und Hörer davon viel profitieren. Etwa wenn von der mosaikartigen Konstruktion der Opern Verdis die Rede ist, die eine große Flexibilität des Dirigenten erforderlich machten, weil sich in ihnen verschiedene Stilistiken überlagern. Oder wenn Chailly im Zusammenhang mit Verdis-Opernkonstrukten den Bogen zur Klangarchitektur eines Anton Bruckner schlägt. Auch die nicht sehr offensichtlichen Bezüge zwischen Mahler und Puccini sind überaus interessant.

Wie viel Arbeit vom reinen Notentext bis zu einem künstlerisch befriedigenden klingenden Ergebnis nötig ist und welche Methoden und Techniken dafür anzuwenden sind, davon vermitteln die Gespräche einen hervorragenden Einblick. Und nebenbei ist das Buch auch noch das sehr sympathische Porträt eines der größten Dirigenten unserer Gegenwart.

Verlag Bärenreiter/Henschel. 192 Seiten, 22,95 Euro.

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