Rheingold

Die Gier nach Gold

Foto: Osterfestspiele Salzburg / Bernd Uhlig

„Rheingold“ mit Simon Rattle bei den Osterfestspielen in Salzburg
Vielleicht ist die Gier nicht das, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber sie ist zumindest ein entscheidender Faktor im menschlichen Zusammenleben auf diesem Planeten. „Gier“ ist eines der am häufigsten gebrauchten Wörter im „Rheingold“, gefolgt von „Gold“ und „Neid“.
Die Gier verfolgt die Personen des „Rheingolds“ sogar bis in den Schlaf hinein. Während des Vorspiels sieht man Wotan auf drei Stühlen liegend schlafen. Er träumt vom „Rheingold“ und vom Raub desselben durch Alberich. Als Videoprojektion wird dies auf der Rückwand eines riesigen leeren Raums sichtbar. Wiedererwacht erzählt Wotan seiner Frau Fricka von seinen Visionen von Macht und Ruhm. Die allerdings ist deutlich weniger begeistert von der Aussicht auf die zukünftige Götterburg Walhall, weiß sie doch, dass als Bezahlung für den Bau ihre Schwester Fricka ausgehandelt wurde. Woraufhin Wotan darauf aufmerksam macht, dass nicht zuletzt sie es war, die ihn zu dem Bau veranlasst hatte, um ihn – wie sie sagt – häuslicher zu machen, den umtriebigen Gott an die Leine zu legen. Schon diese Anfangs-Szene deutet die Richtung an, in die diese „Rheingold“-Aufführung zielt. Nicht um eine ideengeschichtliche Ausdeutung von Wagners Welttheater geht es dem französischen Regisseur Stéphane Braunschweig, sondern ums Menschliche-Allzumenschliche. Um den Machttrieb um des Machttriebs willen, um Gier nach Geld und Lust als Triebfedern menschlicher Existenz. Eine – wenn man so will – ins private gewendet, resignative Kapitalismus-Kritik. Im Zeitalter des Neoliberalismus ist Ausbeutung und Gier eben ein unvermeidliches und unüberwindliches Naturgesetz.

Foto: Osterfestspiele Salzburg / Bernd Uhlig


Bürgerlich jetztzeitig ist auch das Outfit der Personen im kammerspielartigen, mit Videoprojektionen bebilderten Einheitsbühnenraum von Thibault Vancraenenbroeck. Selbst die Riesen treten in Anzug und Krawatte als alerte Geschäftsmänner auf. Ist es ein Zufall, dass Fafner aussieht wie der Siemens-Vorstand Kleinfeld?
Fast harmlos wirken sie, die Riesen, zumal sie vom Orchester zuvor mit geradezu bombastischen Klängen angekündigt worden waren.
Simon Rattle macht die Berliner Philharmoniker zu einem der Hauptprotagonisten des Abends. Mit einer Orchesterleistung, die an rhetorischer Prägnanz sowie klanglicher und spieltechnischer Brillanz schwerlich zu überbieten ist. Der sprechende Gestus, mit dem Rattle die Wagnersche Partitur durchdringt und dabei ein im wahrsten Sinn „unerhörtes“ Reservoir an Zwischentönen und Nuancen freilegt, ist in jeder Phrase faszinierend. Von den ungeheuerlichen Steigerungen und dramatischen Explosionen an den Kulminationspunkten der Handlung einmal ganz abgesehen. Ein großartiger Einstand als „Ring“-Dirigent in Salzburg, der das Festspielpublikum denn auch zu begeistertem Beifallsjubel hinriss.
Sängerisch überzeugte die Aufführung mit kleinen Einschränkungen ebenfalls. Vor allem der sonore und mächtige Bass des Willard White als Wotan, und die ohne alle Schärfe ausdrucksstark agierende Lilli Paasikivi als Fricka sind hier zu nennen. Aber auch Anna Larsson als Erda, Annette Dasch als Freia und die Riesen Alfred Reiter und Ian Paterson. Stimmlich etwas zu wenig konturiert klang allerdings Dale Duesings Alberich. Ein eigenwilliges Rollenporträt gab Robert Gambill als tuntiger Loge im bodenlangen, weitausgeschnittenen Glitzerkleid – ein mit Worten zündelnder Zyniker, der den Tanz auf dem Vulkan mitmacht, wissend, dass er in der Katastrophe enden wird.
Ein rundum gelungener „Ring“-Auftakt also, der 2010 mit der „Götterdämmerung“ abgeschlossen sein soll.
Robert Jungwirth

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