Rheingold Essen

Ja, laßt uns den Abschaum ausbeuten!

Foto: Mathias Jung

Tilmann Knabe inszeniert „Rheingold“ kapitalismuskritisch in Essen unter der musikalischen Leitung von Stefan Soltesz
(Essen, 8. November 2008) Die Vorzeichen für Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ waren von vorneherein günstig. Gerade ist das Aalto-Theater in der Kritikerumfrage der „Opernwelt“ zum „Besten Opernhaus 2008″ ausgelobt worden. Das mutige Bekenntnis von Intendant und GMD Stefan Soltesz zum viel gepriesenen aber auch verschmähten Regietheater hat den Ausschlag gegeben. Bis 2010 soll der Essener Ring fertig geschmiedet sein. Aber anders als derzeit in Hamburg, wo das Projekt Ring unter der Regie von Claus Guth bereits bei der Walküre angekommen ist und zuletzt in Köln (Regie: Robert Carsen) soll in Essen jeder Teil eine andere Bühnenhandschrift tragen. Die „Walküre“ übernimmt Dietrich Hilsdorf, „Siegfried“ inszeniert der Essener Schauspielchef am Grillo-Theater, Anselm Weber, und die „Götterdämmerung“ Barrie Kosky.
Am Samstag war die Premiere von „Rheingold“. Der 38jährige Tilman Knabe führte Regie, und so etwas hat man schon lange nicht mehr erlebt. Kaum hebt sich der Bühnenvorhang zu den ersten Quinten der tiefen Streicher im berühmten Es-dur Vorspiel, geht auch schon ein Raunen durch den Theatersaal. In seiner ganzen Verruchtheit offenbart sich die „Rheingold“-Welt als ein großer sozialer Brennpunkt. Im Aufriss zu sehen sind über und nebeneinander geschachtelte Räume. (Bühnenbild: Alfred Peter). In einem heruntergekommenen Herrensaal mit Holzvertäfelung und baufälligen Holzbalustraden treibt es Göttervater Wotan als Playboy in Schießerunterwäsche und schwarzen Socken. Seine Playmates sind drei aufreizend gekleidete Damen – die Rheintöchter, wie sich später herausstellt. Fricka im rosa Kostüm auf der Galerie studiert Rechnungen. Nachdem Wotan triebbefriedigt im Plümo eingeschlummert ist und die Rheinnutten im Untergrund zu Alberich abgetaucht sind, sammelt Fricka ums Bett verstreute Dokumente ein. Donner, als Ledertrulla mit Nietengürtel und Schlagstock, und Kollege Froh im billigen Zuhälterjacket, befriedigen sich schon seit geraumer Zeit in einer muffigen Hausmeisterloge. Danach lauern sie Passanten auf, um sie niederzuknüppeln und Schutzgeld zu erpressen. Der Weg in die Unterwelt ist gleich neben der Götterwohnung. Ein mit Lumpen und Tüten verstopfter Aufgang. Für Nibelheim in der Bühnentiefgarage wurde wohl die gesamte Essener Kleiderrequisite ausgeräumt. Das Arbeiterheer von Alberich sind verdreckte Straßenkinder, die hinter den Lumpen hervorlugen. Die Ingenieure Fasolt & Fafner falten in einem schiefen Wellblechverschlag über dem Lumpenloch Pläne für die neue Götterburg Walhall auseinander. Fehlt nur noch Freia, die links außen im Bühnenbild manisch einen Apfel poliert. Verloren steht sie im weißen Kostümchen unter einem Baum, der keck einen Ast bis ins Herrenzimmer vorstreckt. Sie steht für das vitale Leben, mit dem aus Machtkalkül gleich gedankenlos geschachert wird, auch für ein paar menschliche Gefühle, die wenigen, die es im Verlauf der zweieinhalb Stunden zu erspüren gibt.
Bereits am Ende des fünfminütigen Vorspiels hat Tilman Knabe mit diesen synchron ineinander geschachtelten Momentaufnahmen keine Zweifel mehr übrig gelassen. Die Highsociety ist verdorben. Aus ihr erwachsen Politikertypen, die korrumpierbar sind und mit allen Mitteln um ihre Vorherrschaft kämpfen. Die Verlierer dieses Systems sind ausgebeuteter Abschaum. Und es gibt keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Jede Feuerleiter führt in den Abgrund. Nachdem die Götterbande Alberich geschunden und mit Hehlerwahre – dem Rheingold – den Bau von Wahlhall bezahlt hat, tragen sie ihre Koffer den Müllparcour im Kreis hoch und runter. Die Zeitbombe tickt vorne auf der Bühne.
„Wir dürfen nur wissen, was wir nicht wollen“, notierte Revolutionär Richard Wagner während seiner Arbeit am Ring, „so erreichen wir aus unwillkürlicher Notwendigkeit ganz sicher das, was wir wollen…“
Eindrücklich führt Tilmann Knabe vor, wie erschreckend aktuell Wagners Rheingoldhorrorvisionen in vielen Details auch heute noch (oder gerade jetzt wieder) sind. Dabei läuft sein Regiegewitter in keinem Moment der Musik zuwider. Er erreicht eine unglaubliche Synchronisation mit der Musik, die mit einem prallen Bilderkatalog gefüllt wird. Es sind die vielfach parallel zur Haupthandlung weitergeführte Nebenhandlungen, die den Göttern eine realitätsnahe und zeitnahe menschliche Dimension geben. Freia, die von Wotans Bauingenieuren entführte Geisel sitzt gefesselt im Wellblechbüro. Das Opfer entwickelt zum Entführer Fasolt sogar Zuneigung. Und während Alberich von Wotan entführt wird, richtet sich Mime als neuer Chef in der Hausmeisterloge ein. Überall wird um die Macht gerungen. Und letztendlich liefert die Wunderwaffe, die sich Alberich in Form der Tarnkappe besorgt hat und die in dieser Inszenierung statt eines Drachens das Trauma eines Guerillakommandos entfesselt, den Grund für seine Entmachtung. Der Ring ist das Symbol für diesen Macht- bzw. Entmachtungsmythos.
Die Glaubwürdigkeit von Knabes Inszenierung ist zum Großteil den Sängern geschuldet, die sich mit beispielhafter schauspielerischer Leidenschaft in Haupt- und Nebenhandlungen engagieren. Sie sind zweieinhalb Stunden im szenischen Dauereinsatz: die käuflichen Rheintöchter, Playboy Wotan, Bettelkönig und Guerillachef Alberich, Fasolt, Fafner, die Spitzbuben Donner und Froh. Auch Loge im geschlossenen beigefarbenen Trenchcoat, grüner Kaufhaustüte und dem Charme eines Filialleiters. Wotan (Almas Svilpa) und Alberich (Jochen Schmeckenbecher) sind zwei stimmlich absolut ebenbürtige Rivalen, wobei Schmeckenbecher wegen der drastisch-komischen Einlagen mit den Rheintöchtern, in der Nibelheimszene, und beim anschließend peinlichen Verhör vor versammelter Götterfront eine wohl alles überragende Leistung abliefert. Sein Fluch, nachdem ihm zuletzt auch noch der Ring samt Ringfinger blutig entrissen wird, geht durch Mark und Bein. „Frevelte ich an mir,/ so frevelt ich frei an mir:-/ doch an Allem, was war,/ ist und wird,/ frevelst, Ewiger du,…“ Wotans Machtsystem versündigt sich an der Welt – dahin gehend sind wohl auch die amerikanische Fahne und die Unoflagge zu interpretieren, die während der Misshandlung Alberichs hochgehalten werden. Es sind die Betrogenen, die aufbegehren. Fasolt wird in dieser Inszenierung zu Recht aufgewertet. Er setzt dem Vertragsbrüchigen Wotan als einziger ein Rechtsseinbewusstsein entgegen: „Was du bist, bist/ du nur durch Verträge“. Andreas Maco präsentiert ihn als Sympathieträger mitfühlend und sonor.
Was an dem Essener Rheingold insgesamt besticht, ist die überaus deutliche Diktion des gesamten Sängerteams. Jedes Wort ist zu verstehen. Nicht zuletzt ist das das Verdienst eines absolut transparent, fast kammermusikalisch aufspielenden Orchesters. In den insgesamt wohltuend raschen Tempi wird in jedem Moment fein nuanciert. Die Soloeinlagen der Violine oder des Englischhorns kommen voll zur Geltung. Souverän die Blechbläsereinsätze. Auch die Streicher übernehmen satt-dunkle Farbgebungen, so, als säßen Ritterbratschen im Orchester, jene fünfsaitigen Riesenbratschen-Erfindungen, die sich Wagner wegen ihres dunklen Timbres so gerne in Bayreuth gewünscht hätte.
Einmal mehr haben Stefan Soltesz und die Essener Philharmoniker bewiesen, dass sie das Prädikat „Bestes Orchester des Jahres“ zu Recht verdienen. Das war ein Rheingold Erlebnis, an das man sich noch lange zurück erinnert.
Sabine Weber

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