Flammende Musik

Jordi Saval, Ton Koopman. Foto: frabernardo

Das 18. "Resonanzen"-Festival in Wien unterwarf sich dem Gesetz des Zunders! Flammen und Scheiterhaufen in den Begleittexten, aber göttliche Harmonien im Konzert.

(Wien, im Januar 2010) Seit 1993 findet das Festival für Alte Musik in Zusammenarbeit mit dem ORF und dem Wiener Konzerthaus im tiefsten Winter statt. In der vorletzten, klirrend kalten Januarwoche heizte die Alte Musik-Szene die prächtigen Sälen von Kaiser Franz-Joseph errichteten Musentempels ganz in der Nähe des Wiener Stadtparks ordentlich auf. Und dass es gleich am ersten Resonanzen-Tag im Brahmssaal des Wiener Musikvereins zufällig eine Art Gegenveranstaltung mit dem Wiener Clemencic Consort gab und ungefähr zur Festivalmitte die Monteverdi-Oper "L'Incoronazione di Poppea" am Theater an der Wien Premiere feierte, ist für diese Musikmetropole einfach typisch! Die Konkurrenz heizt immer kräftig mit.

Aber keine Frage, die mächtigsten Flammen züngelten aus dem opulenten Resonanzen Programmbuch. In den 200 Seiten gab es einige erstaunliche Volten. Der Sonnenkönig wurde in einem Essay gegen den "glanzlosen" Habsburger Karl VI. ausgespielt. Von der einen Herrschaft zur anderen spannte sich auch ein großer Bogen: vom Konzertauftakt mit Kammermusik aus Versailles bis hin zum Finale mit einer einaktigen Huldigungsoper von Johann Joseph Fux für den Habsburger Kaiser. Aber ein wohl nicht unumstrittener Weihbischof aus Linz durfte eine Brandrede wider den laizistischen Spaltpilz in seiner Diözese abdrucken. In einer Konzerteinführung gab es einen Kochbuchexkurs, dann Giordano Bruno auf dem brennenden Scheiterhaufen. Und nachdem der ästhetische Fundamentalismus in der katholischen Kirche für sämtliche Belange der modernen Musik gebrandmarkt war, erklang im Konzert Musik von "modernen" Komponisten, die ausnahmslos im Dienste der bösen Katholiken geschrieben haben! Die eloquente und populistische Brandmetaphorik von hot bis Chilipfeffer dampfte und loderte schon einmal über die Musikprogramme hinweg und zielte wohl eher aufs "Nachspiel". Nach den Konzerten zu vorgerückter Stunde wurden im Keller des Konzerthauses einige drastische Filme über Religionskriege und die Gräuel der Inquisition gezeigt.

Das Auftaktkonzert gehörte Jordi Savall - Ehrenmitglied der Wiener Konzerthausgesellschaft, was natürlich im Programmbuch nicht vergessen wurde anzumerken. Und beide Konzerte waren auch restlos ausverkauft. Begleitet von Ton Koopmann bewies der auf die 70 zustrebende Gambenmeister, dass er zwar noch immer der Mann der überzeugenden Geste, aber immer weniger der eines überzeugenden Gambenklangs ist. Seit mehr als 20 Jahren spielt er nun Marin Marais' "Suite d'un goût d'étranger" und einige Couplets aus den "Folies d'Espagne" und immer schlechter. Bei den Portraits aus den "Pièces de violes" von Forqueray le père - oder seinem Sohn komponiert, da ist sich die Forschung nicht sicher - bewegte sich der Bogen teilweise gänzlich ohne Ton. Der schwache Engel - Marais - bekam einen zahnlosen Teufel - Forqueray. Ton Koopman überzeugte mit etwas mehr Sicherheit in seinen Soli, himmelte mit seinem perkussiven Anschlag jedoch tatsächlich einige Springer des robusten Kroesbergen-Cembalos! Ein Cembalobauer musste sichtlich entsetzt auf die Bühne des Mozartsaals eilen, um Ersatzteile einzusetzen.

Ein wahrlich prächtiges Aufgebot brachte Hugo Reyne aus Frankreich dann auf die Bühne des ausverkauften Großen Saals und begeisterte die rund 2000 Zuschauer restlos: Fünf Solisten, der "Choeur" und genau 24 Musikern der "Simphonie du Marais" ließen sich zunächst mit unbekannten Huldigungs-Motetten von Guillaume Bouzignac hören. Das "Cantate Domino" und das "Omnes gentes" sowie das prächtige 9stimmige "Ex ore infantium" - ein rhetorisch raffiniert ausgefeiltes Frage-Antwort-Spiel zwischen Solist und Chor - entstanden anlässlich der Einnahme der protestantischen Hafenstadt La Rochelle durch Kardinal Richelieus Truppen. Aber Bouzignac, selbst ein Protestant, machte sich auch zum Fürsprecher der Verlierer. Er prangerte in drei weiteren Kompositionen auch das Leid der Belagerten an und komponierte herzergreifende Totenklagen. Sie sind natürlich nie am französischen Königshof aufgeführt worden. Anders die zum Herrscherlob gern gehörte Te Deum Vertonung von Marc-Antoine Charpentier. Und es war eine persönliche Genugtuung für Hugo Reyne, den Auftakt zu diesem jubelnden Hymnus - die allen bekannten Eurovisionsmelodie - unmittelbar nach der im Unisono verhallten Totenklage "O mors" von Bouzignac attacca zu geben. Niederlage und bejubelter Sieg prallten hier schonungslos aufeinander.

Im zweiten Teil des Konzerts - eines der wenigen, das normale Konzertlänge und eine Pause hatte - begann mit der prächtigen Grand Motet "Jubilate Deo omnis terra" für Doppelchor und Orchester von Jean-Baptiste Lully. Eine zweite Vertonung des Te Deum-Hymnus von Michel-Richard de Lalande rundete den Abend ab. Das weltliche Pendant zu dieser Sternstunde mit geistlicher Musik aus Frankreich sollte der nächste Abend bringen. "La Simphonie du Marais" präsentierte ein Best-off Potpourrie aus Lully- und Jean-Philippe Rameau-Opern. Dieser Verschnitt fiel jedoch gänzlich in seine Teile auseinander und war wegen der ständigen, so schnell kaum nachvollziehbaren Situations- und Stimmungswechsel, mühsam. Tragödin Véronique Gens - auf Wunsch des Festivals hier Solistin - hat inzwischen auch Probleme mit der Delikatesse dieser Musik. Ist sie doch seit ihrem Debüt als Eva in den Meistersingern im letzten Jahr auf Richard Wagner abboniert.

Um Schlachtenlärm und Kriegsklagen rein instrumental anzustimmen reiste das Ensemble Concerto Madrigalesco trans alpin - jenseits der Alpen aus Italien an. Jedoch vermied Leiter Lucca Gugliemi, mit allzu plakativen Battaglie-Fanfaren- und Alarmsignalwerken Aufmerksamkeit zu erheischen. Er wählte mit Bedacht von Gioseffo Guami über Scheidt, Schmelzer bis hin zu Johann Jacob Frobergers berühmten Lamento zum Tode von Ferdinand IV seine Werke aus und gruppierte sie nach Länderschwerpunkten: Italien, Deutschland und Österreich. Die Zugabe gab das Ensemble auf der Treppe über dem Foyer, wo sich das Publikum an weiß eingedeckten Tischen und am Büfett tummelte. Das musikalisch umrahmte Resonanzen Bankett ist immer ein Publikumshöhepunkt der Festivalswoche.

Das ebenfalls italienische Ensemble Gambe di legno (Holzbeine!) reiste aus Bassano del grappa an. Unter der Leitung von Gambist Paul Zuccheri präsentierten sie hier selten zu hörende Musik der italienischen Spätrenaissance. Während der Programmtext die schon zu Monteverdis Zeiten medial inszenierte Debatte zwischen Giovanni Maria Artusi und dem Monteverdi-Bruder Giulio Cesare heiß kochte - auch wenn es von Monteverdi im Programm nur ein kurzes Stück gab - ging es im Konzert um die Geburt einer hoch virtuos gestalteten Instrumentalmusik aus dem Geiste und dem Material der Vokalpolyphonie. Mit, und nicht gegen die Tradition - wie der mit Zunder aufgeladene Einführungstext weismachen wollte - arbeiteten jedenfalls die Musiker. Das machte schon gleich das Eröffnungsstück am Anfang deutlich. Das Capriccio sopra "La Sol fa Re Mi" - zitierte und bezog sich auf die "La Sol Fa Re Mi" - Messe vom Frankoflamen Josquin Desprez. Für solche feinen Bezüge hatte der explosive Text keine Zeit, auch nicht für den Komponisten Francesco Usper. Ebenso wenig für den fast nie aufgeführten Archangelo Crossi. Auch das in den hier verwendeten Sammlungen oft erwähnte Canzone francesi hätte Aufmerksamkeit verdient und einige Flammen sicherlich gelöscht...

Die vier "Holzbeine" - die Gambisten - nebst Continuo, Zink und Posaune, ergänzten die vier- oder fünfstimmigen Werke unter den sich im Timbre wunderbar ergänzenden Sopranistinnen Roberta Invernizzi und Elena Biscuola. Einige Male zeigten die Instrumente was Diminutionskunst dieser Zeit bedeutet hat. Unglaublich, was der Zinkspieler Josuè Mendelez aus Guatemala aus seinem gebogenen Holzhorn an melodiösen Verzierungen heraus blies. Von ihm wird man noch sicherlich hören. Der Posaunist David Yakuz hantierte ebenfalls absolut sicher an der Verlängerung seines Zuges und intonierte schnellste Kaskaden und tiefste Töne sicher. Perfekt fügten sie sich in die Kernbesetzung der Gamben ein. Die klangen im Consort leider etwas unsauber.

La Chapelle Rhénane präsentierte geistliche Konzerte aus Deutschland von Heinrich Schütz. Schade, dass Leiter Benoît Haller, der als erster Tenor auch mitsang, mit einem (!) Taktstock unentwegt mitwedelte, seine fünf Gesangeskollegen auch bei völlig solistischen Einlagen dirigieren musste. Selbst für den Violinisten, neben sich eine zweite Geige und hinter sich eine Continuogruppe, war das eine Zumutung. Und wenn Haller nicht mitsang, stand er vorne an einem Extrapult und spielte Dirigent. Vielleicht war der Ensembleklang deswegen nie frei und geschmeidig, auch wenn Schütz von opulenter bis hin zu reduzierter Besetzung - es tobte der 30jährige Krieg - immer etwas Besonderes zu bieten hatte. In "Von Gott will ich nicht lassen" für zwei Soprane, Bass, zwei Violinen und Generalbass greift Schütz die Melodie zu einem bekannten Renaissancelied auf, das in Italien unter "Madre, non mi far monaca" und in Frankreich als "jeune fillete" bekannt war.

Die Hamburger Ratsmusik unter der Leitung von Gambistin Simone Eckart hatte die kurzfristige Absage von Sopranistin Dorothee Mields zu verkraften. Bravourös sprang am Konzerttag selbst Ulrike Hofbauer ein und half mit, dass der norddeutsch geprägte "Musicalische Seelen-Frieden" erhalten blieb und protestantisch fromm erzählte Feuersnot und Donnerwetter zu Gebet und Gläubigkeit anhalten konnte. In den feinen Triosonaten für Violine, Viola da gamba und Cembalo von Johann Philipp Krieger hätte die Gambistin, immer korrekt im Timing, aber auch einmal etwas von der protestantischen Sittsamkeit fahren lassen und ihren Emotionen freien Lauf lassen können.

Ein immer wieder gern gesehener Gast bei den Resonanzen war auch dieses Mal der Blockflötist Pedro Memelsdorff und sein Ensemble Mala Punica, die in die ars subtilior nach Italien einluden, wo auch französisch gesprochen wurde.

Einen Höhepunkt versprach Johann Joseph Fux konzertant aufgeführte Oper "Orfeo ed Euridice". La Capella della Pietà die Turchini mit Dirigent Antonion Florio übernahm die Aufführung des einteilige Componimento da Camera, das Fux als Geburtstagsständchen für Karl VI. 1715 geschrieben hat und das mit entsprechenden Huldigungsgesängen endete. Und gerade die Jubelgesänge sind keine ganz und gar schlechte Musik. Im allerbesten Sinne ist das Unterhaltungs- und feinste Propagandamusik. Bis auf Eifersüchteleien leider ohne Dramatik, denn der Orfeus-Mythos spielt nur in der Hölle und endet mit Plutos großzügiger Herausgabe der Geliebten, was die Lobgesänge an einen gütigen Herrscher dann unbeschwert entfesselt. Neben den reinen Contiuno-Arien hat Fux mit Concertino und Tutti-Begleitungen die Arien fein registriert oder mit obligater Traverso und Chalumeaubegleitung (Chalumeau ist ein Vorläufer der modernen Klarinette) aufbereitet. Die Chornummern übernahmen die sechs Solisten. Romina Basso als Orfeo sang mit ihrem - nomen est omen - wunderbar dunklen und dramatischen Timbre alle an die Wand. Absolut stilsicher, lebte sie jede Note aus. Hatte die Handlung keine Aufregung, so kam bei ihr in jedem Wort Dramatik auf, begleitet von einer unentwegt gestisch arbeitenden linken Hand. Aber auch die anderen Stimmen überzeugten. Die naiv-jugendlich klingende Francesca Boncompagni, die übrigens nach einer furiosen Violinkarriere zum Singen kam, sie gab eine unschuldige Euridice. Maria Ercolano verkörperte einen schmeichelnd überzeugenden Amor, Valentina Varriale gab eine auch mit Schärfe agierende Unterweltchefin Proserpina. Alle Männerstimmen waren hell besetzt - man war am Wiener Hof ja pro italienisch eingestellt, was die Oper anging. Die komisch angelegte Rolle übernahm Giuseppe de Vittorio, da er auch ein Schauspieler und in Sachen apulischer Stehgreiftraditionen engagiert, mit rollendem "r" sehr schauspielmäßig agiert. Und auch der in den tiefsten Etagen agierende Pluto war mit einem Tenor, mit Makato Sakurada besetzt.

Warum allerdings so viele Striche im Libretto gemacht worden sind, dass man selbst im frisch gedruckten Abendprogramm kaum eine Seite ohne Springen mitlesen konnte. Und es auch Schnitte gab, die einen erschaudern ließen, beispielsweise der Schnitt von Amors Arie "L'alma ingannar", die in h-moll endet, hin zum B-dur Einsatz von Pluto, blieb das Rätsel des Abends. Denn wenn das Stück für die Live-Übertragung gekürzt werden musste, warum wurde dann nachträglich eine Pause eingefügt? Nicht desto trotz, ein gelungener Abend, ein gelungenes Festival, die Alte Musik boomt noch immer in Wien und auch nächstes Jahr wieder!

Sabine Weber

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