Residenzwoche

Abgerundete Klanglichkeit

Antiquarium der Münchner Residenz Foto: Bayer. Schlösserverwaltung

Die Cappella Amsterdam eröffnet die Münchner Residenzwoche
(München, 10. Oktober 2009) Das Konzept hat sich bewährt. Auch wenn die Münchner Residenzwoche nicht mehr unter der künstlerischen Leitung des Pianisten und Dirigenten Christoph Hammer steht, so hat sich das Festival doch einen festen Platz im Konzertreigen dieser Stadt gesichert. Die Idee, in historischen Räumen der Residenz, aber auch darüber hinaus Musik der Entstehungszeit und des Münchner Hofs nebst Nebenkomponisten zu präsentieren, ist stimmig und überzeugt ganz offensichtlich auch das an Alter Musik nicht gerade bis zur Raserei interessierte Münchner Publikum.
Zum Auftakt der diesjährigen Residenzwoche hat man das fantastische niederländische Vokalensemble Cappella Amsterdam unter seinem Leiter Daniel Reuss eingeladen. Vor den Reihen ehrwürdiger antiker Marmorköpfe im Antiquarium der Residenz offerierte es – wie sollte es anders sein – niederländische Vokalpolyphonie von Josquin de Prez über Orlando di Lasso bis zu Jan Pieterszoon Sweelinck. Etwas schade, dass Sweelincks doppelchörige Psalmvertonungen zu Beginn zu hören waren und damit die üppigste, figurativste Musik des gesamten Abends.
Josquin de Prez eher schlicht-geradliniges Ave Maria wirkte dagegen regelrecht bescheiden, auch wenn die feine Linienführung seiner Musik durch die Cappella Amsterdam vorbildlich zur Geltung kam. Und selbst Lassos Mariengesänge (Ave Regina caelorum und Salve Regina) sowie sein wunderbares "Tristis est Anima mea" klangen "einfacher", wenngleich der ungemein geschmeidige Stil von Lassos Musik auch in diesem Kontext besticht.
Dass Lasso, der aus Holland stammte, dann in Italien lebte und schließlich in München ca. 30 Jahr lang die Hofkappelle leitete, ist hinlänglich bekannt. Für die holländischen Sängerinnen und Sänger dagegen war es vermutlich eine Neuheit, seine beinahe 500 Jahre alte Musik an seiner früheren Wirkungsstätte aufführen zu können. Beeindruckend ist nicht nur die enorme Homogenität im Zusammenklang der 16 Sängerinnen und Sänger der Cappella Amsterdam, sondern auch die hohe Qualität der Einzelstimmen. Das wiegende Fließen der großen doppelchörigen Psalmen von Sweelinck war getragen von einer intensiven und abgerundeten Klanglichkeit, dabei hochpräzise und klar.
Danach nicht nur ein wirkungsvoller Kontrast zum Wieder-auf-den-Boden-Kommen, sondern auch eine weitere Leistungsschau dieses Ensembles: Ton de Leeuws 1981(!) entstandene Vertonung eines Teils des "Hohen Lieds" in einer wunderbar vielgestaltigen zeitgenössischen Chormusiksprache, die von Anklängen an die alten Meister ebenso geprägt ist, wie von experimentellem Sprechgesang oder flirrender Vielstimmigkeit und eigenwilligen Glissandi. Auch hier erwies sich das Ensemble unter Daniel Reuss als absolut sicher in der stimmlich-musikalischen Ausgestaltung. Und so bot denn dieser Ausflug in die Moderne einen spannenden und doch auch stimmigen Kontrast zu den restlichen Werken.
Ein Abend voll intensiver gesanglicher Klanglichkeit und eine Zeitreise durch die Jahrhunderte – eine wahrhaft würdige Darbietung für die würdevollen antiken Herrschaften und die vielleicht weniger honorigen zeitgenössischen.
Robert Jungwirth

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