René Jacobs Bach

Ein fantastischer Chor

René Jacobs führt mit dem RIAS Kammerchor und Concerto Köln Bachs h-Moll-Messe in Köln auf

(Köln, 3. November 2011) Vor einem "letzten Werk" steht man immer mit besonderer Ehrfurcht. Wenn ein Komponist sein Opus ultimum überdies nicht vollenden konnte, ist es zu Verklärung nicht weit. Johann Sebastian Bachs Messe h-Moll (BWV 232) steht nun freilich nicht definitiv am Ende seines Schaffens, gehört aber zu einer Reihe meist breit dimensionierter Werke, welche künstlerisch Erreichtes bündeln, ausdrucksmäßig steigern und überhöhen. René Jacobs ist mit dem ihm eigenen musikalischen Ethos, welches sich mit einem gesunden Maß an Sachlichkeit verbindet, fraglos ein idealer Interpret für diese Messe, die er jetzt in der Kölner Philharmonie mit dem RIAS Kammerchor und Concerto Köln aufführte.

Das Werk und die Umstände seiner Entstehung haben so manche Rätsel aufgegeben und Fragen aufgeworfen. Die Messe entstand ohne definitiven Auftrag, besitzt protestantischen Grundcharakter, aber auch katholische Einfärbungen und basiert weitgehend auf älteren Kompositionen. Dieses "Parodie"-Verfahren war in früheren Jahrhunderten durchaus Gang und Gäbe. Auch Bach wandte es (meist unter Arbeitsdruck) immer wieder an, freilich mit Anpassungen an den aktuellen kompositorischen Kontext, an einen geänderten formalen Aufbau oder neue Texte, zumal bei betont religiöser Prägung.
Alle von der Musikforschung zusammengetragenen Fakten sind fraglos erhellend, spannend zu verfolgen und wissenschaftlich von großem Belang. Bei einer Aufführung treten sie allerdings in den Hintergrund, die Aufmerksamkeit des Hörers konzentriert sich ganz auf die autorisierte Werkgestalt. Bei Bachs Messe gibt es – anders als beispielsweise bei mitunter ausufernden Opern des Barock, die für die Jetztzeit auch szenisch zu bewältigen sind – ohnehin nichts in Frage zu stellen.

Diese Schlüssigkeit spiegelte sich auch in der Widergabe von René Jacobs. Ein vergangenes Dokument seiner Auseinandersetzung mit dem Werk stellt die fast 20 Jahre alte, nach wie vor erhältliche Einspielung mit der Akademie für Alte Musik Berlin dar. Dieser Klangkörper stand dem Dirigenten auch in diesem Jahr zur Verfügung, so beim Leipziger Bach-Festival. In der Kölner Philharmonie spielte indes Concerto Köln, und statt des Balthasar-Neumann-Chores war der RIAS Kammerchor aufgeboten, seinerzeit auch an der Plattenaufnahme beteiligt.
In seiner klanglichen Homogenität, Intonationsreinheit und Koloraturfertigkeit stellte er das besondere Ereignis des Abends dar. Die außerordentlichen Fähigkeiten dieses vokalen Klangkörpers sind unter verschiedenen Chorleitern in langen Jahren organisch gewachsen,  wobei sich das Kürzel RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins) im Namen historisch eigentlich längst überholt hat. Chor wie auch Concerto Köln, das für seine penibel historisch orientierte, doch ausgesprochen frische Spielkultur bekannte fantastische Orchester, ermöglichten Jacobs eine makellose, pulsierende Aufführung von bestechend natürlicher Artikulation, die von einer sensibel differenzierenden Dynamik unterstrichen wurde.

Exquisit das Solistenensemble, selbst wenn man in Sunhae Im keine typische Bach-Sopranistin sehen möchte, den Countertenor Lawrence Zazzo nicht mit einem Andreas Scholl auf die gleiche Stufe zu stellen gewillt ist. Marie-Claude Chappuis mit höhensicheren Mezzo, Magnus Staveland mit geschmeidigen Tenor sowie Michael Nagy mit von einer sicheren Tiefe untermauertem Bariton überboten sich in vokaler Inbrunst und souveränem Stilempfinden. Nach dem letzten Akkord herrschte spürbare Ergriffenheit – bevor sich Begeisterung in tosendem Applaus Luft machte.

Christoph Zimmermann

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