Rede zum Jubiläum 10 Jahre KlassikInfo

Robert Jungwirth

Klassische Musik ist kein Nischenprodukt und Kulturjournalismus ist Kunstvermittlung

Rede zum 10. Geburtstag von KlassikInfo.de
Von Robert Jungwirth

Gehalten am 12. Mai 2017 im Orff-Zentrum München

Liebe Freunde, liebe Kollegen, liebe Leser von KlassikInfo, liebe Konzertbesucher. Ich freue mich sehr, dass wir heute das zehnjährige Bestehen von KlassikInfo.de hier im Münchner Orff-Zentrum mit diesem Konzert feiern können, gestaltet von Aleksandra Mikulska und Yaara Tal – zwei herausragenden Pianistinnen. Aleksandra Mikulska, aus Polen stammend, hat sich durch ihre ebenso kraftvollen wie sensibel durchgestalteten Interpretationen vor allem von Werken von Chopin und Liszt einen Namen gemacht, Yaara Tal aus Israel, ist vor allem mit ihrem Klavierduo mit ihrem Partner Andreas Groethuysen weltweit renommiert – und sie unterrichtet außerdem hier an der Münchner Musikhochschule. Es ist eine große Freude, dass diese beiden Musikerinnen heute beim diesem Jubiläumskonzert von Klassikinfo, das auch ein Benefizkonzert für KlassikInfo.de ist, auftreten und die Gage für KlassikInfo.de stiften. Ganz herzlichen Dank dafür!!
Ein ganz herzliches Dankeschön auch an den Leiter des Münchner Orff-Zentrums Dr. Thomas Rösch, der seit vielen Jahren ein enger und sehr kooperativer für unser Magazins ist und der uns diese wunderbaren Räumlichkeiten, in denen Carl Orff früher selbst gewirkt hat, heute Abend zur Verfügung stellt. Vielen Dank lieber Dr. Rösch für diese sehr nette Einladung und Ihre Unterstützung und die Ihrer Mitarbeiter.

Nach meiner Rede gibt es eine kurze Pause, dann wird Yaara Tal spielen und anschließend gibt es unten in der Bibliothek einen kleinen Empfang für alle.

Die Deutsche Orchestervereinigung hat im Februar eine interessante Zahl veröffentlicht. Demnach haben Konzerte mit klassischer Musik, klassische Musik in Theatern und bei Musikfestivals vierzig Prozent mehr Besucher angelockt als die 1. Bundesliga in die Stadien. Das ist doch bemerkenswert. Eine solche Zahl straft all jene Lügen, die die klassische Musik für eine Gruftiveranstaltung halten mit einer aussterbenden Zuhörerschaft. Das Gegenteil ist wahr. Tatsächlich gab es noch nie ein so großes Angebot und auch eine so große Nachfrage nach klassischer Musik wie heute, und trotzdem wird die klassische Musik ausgerechnet in dem Land, in dem so viele wichtige Werke komponiert wurden und so viele bedeutenden Komponisten und Musiker lebten und leben, oftmals kleingeredet und in eine Nische für Minderheiten gedrängt.  Würde das jemand beim heiligen Fußball wagen? Ich finde, es ist an der Zeit, dass die klassische Musik wieder zu einer wirklichen Größe in dieser Gesellschaft wird – und zwar nicht nur für  Experten und Liebhaber, sondern für jedermann. Dass ihre Attraktivität, Wichtigkeit und Relevanz anerkannt und respektiert werden. Was beim Fußball möglich ist, sollte in der Kulturnation Deutschland doch wohl auch bei unserem kulturellen Erbe möglich sein.

Während in Ländern mit ganz anderen kulturellen Traditionen die klassische Musik eine ungeheure Wertschätzung erfährt, etwa in Japan, Südkorea oder auch in China, wird sie hier oft behandelt wie ein ungeliebtes Erbstück. Ja, man muss sich schon wundern über die Ignoranz und Geringschätzung mancher deutscher Politiker diesem kulturellen Erbe gegenüber, für das jeder Euro zweimal umgedreht wird, während man auf der anderen Seite Milliarden mit vollen Händen für zahlungsunfähige Banken oder unsinnige Mautpläne ausgibt. Es zeigt, dass die Damen und Herren Politiker, die bei uns übrigens viel zu sehr die öffentliche Debatte und die Themenagenda bestimmen,  dass diese Damen und Herren – von Ausnahmen abgesehen siehe Programmzettel Rückseite – in kulturellen Dingen leider oft genug erschreckend ahnungslos sind und mit der Leitkultur, von der jetzt wieder alle faseln, weil Wahlen anstehen, letztlich herzlich wenig am Hut haben. Dafür sitzen sie bei Fußballspielen medienwirksam auf der Tribüne.
Wir bleiben beim Fußball.

Robert Jungwirth Foto: Ralf Dombrowski

Robert Jungwirth Foto: Ralf Dombrowski

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, warum Nachrichten im Radio mit einem Fußballergebnis beginnen können? Als würde das alles andere in den Schatten stellen, was sonst noch so auf der Welt passiert. Was für eine Anmaßung. Wie kommt das? Wie oft hört man, wenn man z.B. Bayern 5 des BR einschaltet, eine Fußballlivereportage aus der Bundesliga, Championsleage, WM oder EM, Freundschaftsspiel oder Qualifikationsspiel – irgendetwas ist immer gerade, was unbedingt übertragen werden muss, am Wochenende fast nonstop. Die Bundesliga spielt mittlerweile an fast allen Wochentagen, und alles wird dutzendfach in den Medien wiedergegeben. Mit welcher Notwendigkeit, mit welcher Berechtigung? Wo ist der Nachrichtenwert? Nichts gegen Fußball, bitte missverstehen Sie mich nicht. Ich habe nur etwas gegen diese völlig übertriebene Dominanz und Penetranz.
Zu kritisieren ist auch, dass das horrende Geld, das in dieses Fußballgeschäft fließt, an anderer Stelle fehlt. Der öffentlich-rechtl. Rundfunk spart seit Jahren massiv an seinen Programmen, gibt aber gleichzeitig Unsummen für Sportrechte aus. Fußball, Olympia, Formel 1, Tatort und Talkshows – das bekommt der Fernsehzuschauer heute bis zum absoluten Überdruss serviert. Alles andere wird gekürzt oder gestrichen.

Während also jedes noch so unbedeutende Fußballländerspiel der dt. Nationalmannschaft gegen Zwergstaaten wie Malta, Nordirland oder Slowenien mit der größten Selbstverständlichkeit zur besten Sendezeit  live in ARD oder ZDF übertragen wird, haben es diese Sender fertig gebracht, das Kulturereignis dieses Jahres in Deutschland, die Eröffnung der Elbphilharmonie im Januar, nur als Nachrichtenmeldung abzuhandeln. Keine Liveübertragung im nationalen Programm, nicht mal bei den Kultursendern Arte oder 3sat. Joachim Gauck und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz sprachen beide in ihren Reden bei der Eröffnung mit Inbrunst von der Kulturnation Deutschland. Und wo blieb die Kulturnation im Fernsehen? Fehlanzeige.

Ja, sie wirkt manchmal wie ein Luftballon, dem die Luft ausgeht, die Kulturnation Deutschland. In den Medien werden Artikel über Kunst und Kultur immer weniger. Gleiches gilt sogar für die Kulturmagazine im Fernsehen, die immer mehr Politmagazinen gleichen. Politik ersetzt Kunst. Was passiert hier eigentlich? Ist Politik jetzt Kunst, oder sind Kunst und Kultur medial nicht mehr vermittelbar? Gibt es keine Redakteure mehr, die sich für anspruchsvollen Kulturjournalismus stark machen? Es scheint so zu sein.

Ohne Frage: Der Kulturjournalismus ist in seinem Bestand bedroht. Es wird gekürzt und gespart, wohin man blickt. Politischer Journalismus auf der einen Seite, PR-Journalismus auf der anderen und Sparzwänge – sie drängen den klassischen Kulturjournalismus in die Defensive. Jeder Konzertveranstalter gibt heute seine eigene Zeitung heraus, in der er seine Stars anpreist. Doch ist das qualifizierter Kulturjournalismus? Wohl kaum. Es ist das Gegenteil davon: nämlich Werbung. Auch die vielen Anzeigenblättchen mit gekauften Texten zählen dazu.

Diese Tendenz gab es auch schon vor 10 Jahren als wir KlassikInfo.de gründeten. Und die Gründung war natürlich eine Reaktion auf diese Erscheinungen, auf die Kürzungen, die es auch schon damals gab, auf den Bedeutungsverlust des Musikjournalismus‘. Aber so schlimm wie heute war es damals noch nicht. Wohin das führt, wenn die Entwicklung so weitergeht, wir werden es sehen. Anspruchsvoller Kulturjournalismus in den Zeitungen und Rundfunksendern wird jedenfalls immer weniger – vielleicht wird er sogar ganz verschwinden, wenn es keine Initiativen gibt, ihn zu unterstützen und zu fördern.

Man kann als Zeitungsleser, Radiohörer oder Fernsehzuschauer dem natürlich schulterzuckend zusehen. Dieses Verschwinden bleibt aber nicht ohne Folgen für das Kulturleben dieses Landes. Wenn die öffentliche Reflektion über Kunst und Kultur immer weiter zurückgeht, die öffentliche Debatte, dann wird Kunst und Kultur auch immer weniger gesellschaftlich wahrgenommen. Dann werden immer weniger Menschen darüber informiert, was kulturell Interessantes passiert und warum es interessant ist. Denn eine solche Einordnung – unabhängig von den Rankings der Plattenfirmen – bietet guter Journalismus.

Es bedeutet eine Verarmung, wenn über Kunst und Kultur kaum noch qualifiziert geschrieben und informiert wird. Die Attraktivität der Elbphilharmonie beim Publikum ist ungeheuer. Die Menschen reißen sich um Karten, um ein Streichquartett zu hören oder einen Klavierabend. Viele Besucher, so liest man, würden durch das Gebäude erst an klassische Musik herangeführt. Was für ein Erfolg!
Die Zahlen der Dt. Orchestervereinigung, die ich eingangs zitiert habe, und der Erfolg der Elbphilharmonie zeigen, dass klassische Musik für die Menschen interessant ist, dass sie kein Luxus für Minderheiten ist, sondern etwas Essentielles, Bereicherndes für jedermann sein kann. Darum geht es im Kulturjournalismus, Aufmerksamkeit und Verständnis zu schaffen für Kunst, in der sich der Mensch wiederfinden kann, die ihn bereichert, ihn inspiriert, die ihm neue Horizonte erschließt. Kulturjournalismus ist Kunstvermittlung.

Laszlo Molnar und ich haben vor zehn Jahren Klassikinfo.de hier in München gegründet, um ein Forum zu etablieren, auf dem wir und unsere Kollegen über die Dinge schreiben können, die uns wichtig sind, unabhängig von desinteressierten und sparwütigen Redaktionsleitern und Chefredakteuren. Das ist soweit auch gelungen. Viele Kollegen haben mittlerweile auf KlassikInfo.de Texte beigesteuert aus Rom, aus Wien, aus Hamburg, Berlin, Köln, Paris oder Zürich, um nur ein paar Städte zu nennen. Wir haben über die Salzburger und die Bayreuther Festspiele geschrieben, über das Lucerne Festival, über die Mailänder Scala, über das Sibelius Festival in Finnland, das Bremer Musikfest, das Britten-Festival in England, das Usedom Musikfest, das Alte Musik Fest in Utrecht,  die Tage Alter Musik in Regensburg und, und, und…
Über 4600 Artikel sind in 10 Jahren auf Klassikinfo erschienen – jedermann kann sie kostenlos lesen, sie sind alle im Archiv auffindbar. Das ist nicht wenig und wir sind stolz darauf, das mit den geringen finanziellen Mitteln geschafft zu haben, die wir dafür zur Verfügung hatten.
Allen Autoren ein großes und herzliches Dankeschön für Ihr Beteiligung! Ein paar von Ihnen sind heute Abend hier, die meisten leider nicht. Die meiste Arbeit für Klassikinfo ist ehrenamtlich geschehen, weil die Einnahmen aus den Anzeigenbuchungen bei weitem nicht ausreichen, anständige Honorare zu bezahlen.

Leicht war es also nicht, mit so wenig Geld auszukommen und ich hoffe sehr, dass wir in Zukunft finanziell besser gestellt sein werden. Wie das zu schaffen ist, wissen wir noch nicht genau. Aber wir hoffen, dass z.B. mehr Orchester, Theater, Veranstalter, Festivals und auch Firmen, die ein kunstsinniges Publikum ansprechen möchten, bei uns Anzeigen schalten. Dass es weitere  Förderer wie Herzog Franz von Bayern, Oberhaupt des Hauses Wittelsbach, gibt, der uns zweimal eine Spende zukommen hat lassen. Und vielleicht gibt es ja doch noch eine Stiftung für den Musikjournalismus, denn es gibt zwar geschätzte 100.000 Stiftungen, die Musiker fördern – was ja schön ist –, aber es gibt keine Stiftung, die den Kulturjournalismus unterstützt. Das hat einfach bislang niemand auf dem Schirm. Das merken die Leute erst, wenn er verschwunden ist, dass da plötzlich etwas fehlt…
Es gibt in Deutschland auch keine staatlichen Förderprogramme für anspruchsvollen Journalismus wie in vielen anderen europäischen Ländern. Warum nicht? Auch hier müßte sich etwas ändern – aber das abzuwarten, kann dauern. Aber wissen Sie was das Bayer. Wirtschaftsministerium fördert, ein Startup, das daran arbeitet, Nachrichten auf den heimischen Badezimmerspiegel zu bringen…Darauf haben wir gewartet!

KlassikInfo.de hat bislang nicht einen Cent öffentliche Förderung bekommen. Die Kulturförderung fühlt sich nicht zuständig und das Wirtschaftsministerium fördert auch keinen Journalismus, sondern nur irgendwelche tollen technischen Neuheiten…
Deshalb müssen wir jetzt handeln, und ich lade jeden von Ihnen herzlich ein, sich daran auf welche Weise immer – finanziell oder ideell – zu beteiligen.

Wir bereiten gerade den Relaunch von KlassikInfo.de vor, zu deutsch: die Neugestaltung, denn die Seite ist seit 10 Jahren nahezu unverändert und muss nun dringend auf einen neuen technischen und optischen Stand gebracht werden. Das kostet uns einige tausend Euro. Dafür wollen wir das Geld dieses Abends verwenden und wir werden demnächst auch ein Crowdfunding dafür veranstalten, an dem Sie alle und noch viel mehr hoffentlich teilnehmen werden…

Dass wir mit KlassikInfo.de inhaltlich auf einem ganz guten Weg sind, das haben uns unsere Leser immer wieder bestätigt und das zeigen auch die schönen Grußworte, die wir für unser Jubiläum erhalten haben. Jenes vom Bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle ist auf dem Programmzettel auf der Rückseite abgedruckt. Ich möchte noch kurz den Deutschen Musikrat zitieren, der uns ebenfalls geschrieben hat:
„Musik in ihrer ganzen Vielfalt von Anfang an und ein Leben lang erfahren zu können, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Internetmagazin KlassikInfo.de bietet die Möglichkeit, sich über aktuelle Ereignisse aus der Welt der klassischen Musik schnell und kostenfrei zu informieren. Damit trägt es zum Erhalt und zur Verbreitung unseres kulturellen Erbes bei.“

Auch das Bundesministerium für Kultur und Medien in Berlin hat sich sehr positiv zu KlassikInfo.de geäußert:
„In unserer Wahrnehmung hat sich Klassikinfo.de zu einem der wichtigsten Informationsportale für Kunst und Kultur entwickelt und damit wesentlich zur Aufrechterhaltung eines anspruchsvollen Kulturjournalismus beigetragen.“
Eine Unterstützung hat das Ministerium allerdings mit Verweis auf die gebotene Staatsferne gegenüber Medien abgelehnt.

Sie alle haben bestimmt vom Tod Joachim Kaisers gelesen oder gehört. Er war zweifellos ein Großer des Musikfeuilletons – auch sehr streitbar in seiner Art, aber von einer enormen Außenwirkung. Die hat er neben seinen journalistischen Qualitäten auch den Verhältnissen in den Zeitungen in den zurückliegenden Jahrzehnten zu verdanken – geradezu paradiesischen Zuständen im Vergleich zu heute. In den ganzen USA gibt es heute noch 11 Musikredakteure bei Zeitungen, bei der bedeutenden französischen Tageszeitung Le Figaro gibt es keinen mehr. Wie viele waren es damals in der SZ, als Kaiser noch aktiv in der Redaktion tätig war? Kaiser hat diesen Verfall natürlich noch mitbekommen, darauf reagieren konnte er nicht mehr. Das müssen nun andere tun. Die Zeitungsverlage tun es definitiv nicht. Wir versuchen es mit Klassikinfo.de.

Vielen Dank für Eure, für Ihre Aufmerksamkeit! Und nochmal ganz herzlichen Dank an die beiden Musikerinnen Aleksandra Mikulska und Yaara Tal – und natürlich auch nochmal an all die tollen Autoren von KlassikInfo.de. Ich habe heute Vormittag noch einen Text von Antje Rößler aus Berlin online gestellt – eine Konzertkritik über ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle mit Bruckners Achter und einem zeitgenössischen Werk von Simon Holt – ein ganz fantastischer Text, wunderbar geschrieben. Toll, dass wir ihn haben! Das ist einfach immer wieder eine Freude, wenn man solche Texte bekommt und verbreiten kann.
Vielen Dank und noch einen schönen Abend!



Münchner Philharmoniker


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.