Rattle mit Mahler in München

Staunenmachen

Simon Rattle dirigiert Mahlers Lied von der Erde beim Symphonieorchester des BR – und davor Schumanns „Rheinische“

Von Robert Jungwirth

(München, 26. Januar 2018) Das nennt man wohl Partnertausch. Während der Chefdirigent des Symphonieorchesters des BR Mariss Jansons in Berlin die Berliner Philharmoniker dirigiert und deren Ehrenmitgliedschaft angetragen bekommt, leitet der (Noch-)Chefdirigent der Berliner Simon Rattle beim SO des BR ein Konzert mit Mahler und Schumann. Schön, dass es bei dieser Form des Partnertauschs keine Beleidigten gibt – sondern strahlende Gesichter allenthalben.

Natürlich ist Simon Rattle auch in München beim SO des BR ein immer wieder überaus gern gesehener Gast, Orchester und Publikum lieben ihn geradezu, wie man an den Reaktionen auf dem Podium und im Saal unschwer sehen kann. Und so restlos ausverkauft mit vielen Kartensuchern an der Abendkasse ist der Herkulessaal auch nicht alle Tage. Und das mit Recht. Denn Rattles funkensprühender, mitreißender Musizierlust kann sich niemand wirklich entziehen – außer er hat Tomaten auf Augen und Ohren. Rattle schafft, was nur wenige schaffen: selbst Bekanntes neu und überraschend klingen zu lassen, ohne dabei die Musik zu verbiegen oder gänzlich gegen den Strich zu bürsten.

Das quirlige Wechselspiel von Streichern und Holzbläsern im dritten Satz von Schumanns „Rheinischer“ etwa ist so ein Beispiel für diese Fähigkeit. „Staunenmachen“ könnte man über diesen Satz à la Schumann schreiben, so wie Rattle ihn musiziert – so frisch und neugierig agierten Rattle und die Musiker, als spielten sie das alles zum ersten Mal, ja als hörten sie es zum ersten Mal. Freilich auf dem allerprofessionellsten Niveau mit den prächtig disponierten Instrumentalisten des Orchesters. Und was für eine Tiefe und Größe im „feierlichen“ vierten Satz mit seiner an Bach orientierten Erhabenheit und Transzendenz! Und das ohne alle Nachdrücklichkeit oder gekünsteltes Pathos. Das ist eben Rattles große Gabe, der Musik – selbst der komplexesten – ihre Natürlichkeit zu belassen.

Geschärfte Expressivität dann in Mahlers ominösem„Lied von der Erde“ – eigentlich seiner 9. Symphonie (von Bruno Walter einst in München uraufgeführt) – vor allem in den Tenor-Liedern, deren Oszillieren zwischen Lebensgenuss und -überdruss einen als Hörer regelrecht ansprang. Und wie der australische Tenor Stuart Skelton das gesungen hat, mit welcher Kraft und Wucht und Zugespitztheit vor allem in den grotesken Passagen, etwa wenn vom „morschen Tande“ die Rede ist, an dem sich die Menschen so gern ergötzen oder von dem „heulenden Affen“, der auf den Gräbern der Menschen hockt oder beim „Und singe, bis der Mond erglänzt am schwarzen Firmament“ in „Der Trunkene im Frühling“ – das drückte einen regelrecht in die Sitze hinein. Was für eine Stimme!! Besser kann man das gegenwärtig nicht hören.

Stuart Skelton Fotos: Peter Meisel

Da hatte es Rattles Gattin, Magdalena Kozena, doppelt schwer. Denn ihre Stimme ist schließlich kein Alt – wie gefordert – und auch kaum ein wirklicher Mezzo. Und so klingt vieles bei ihr ganz einfach zu hell und klar timbriert und sollte doch trauerverhangen und düster klingen. „Der Einsame im Herbst“ blieb noch immer relativ fröhlich, und dem „Abschied“ fehlten trotz äußerster Zelebration von Seiten Rattles und des brillanten Orchesters die dunklen Farben – auch wenn Kozena fraglos sehr genau und pointiert sang. Letztlich ist sie einfach nicht die richtige Besetzung für diese Lieder. Warum aber macht man es dann trotzdem? Weil Herr Rattle und Frau Kozena es so wollen? Schade, denn das nahm dem grandiosen Konzert etwas von seiner Grandiosität.

Und weil der Chef nicht da war, musste Simon Rattle ganz zum Schluss nach dem Schlussapplaus auch noch den langlangjährigen Konzertmeister des SO Florian Sonnleitner in den verdienten Ruhestand verabschieden. Eigentlich ein bisschen unpassend, wenn das nicht der Dirigent tut, der dem Orchester seit bald 15 Jahren als Chef verpflichtet ist.

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