Rattle mit Adès und Mahler

Und ewig klingt die Erde

Simon Rattle Foto: EMI

Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle mit Thomas Adès und Gustav Mahler in Berlin
(Berlin, 3. November 2007) Der Einsatz von Simon Rattle für den noch immer jungen britischen Komponisten Thomas Adès (36) ist beachtlich. Bereits bei seinem Antrittskonzert bei den Berliner Philharmonikern setzte Rattle ein Werk von Adès auf’s Programm. Im Februar dieses Jahres hoben Rattle und die "Berliner" ein neues (Auftrags-)Werk von Adès aus der Taufe: "Tevót", hebräisch für Arche. Beim jüngsten Konzert der Berliner Phiharmoniker war "Tevot" erneut zu hören, zusammen mit Gustav Mahlers "Lied von der Erde". Zwei Werke, in denen es um unseren Lebensraum geht, um seine Schönheiten und seine Verehrungswürdigkeit.
In "Tevót" läßt Ades alles andere als eine apokalyptische Visionen einer am Abgrund stehenden Welt aufscheinen, die die kollektive Suche nach einer neuen Arche Noah notwendig erscheinen ließe. Er sieht vielmehr die Welt selbst als Arche, die uns Menschen schützt und ein angenehmes Leben in den unendlichen Weiten des Universums ermöglicht. Eine Positiv-Utopie also, da sich in diesem Bild auch ein (Gott?-)Vertrauen auf das Weiterbestehen dieses Planeten ausdrückt. Oder ist es der Apell an die Menschheit, dafür Sorge zu tragen, dass auch ferne Generationen noch eine menschenfreundliche Umgebung vorfinden? Ähnlich in der Thematik und doch unter ganz anderen Voraussetzungen entstanden ist Gustav Mahlers "Lied von der Erde" – eine Feier dieses Planeten und seiner natürlich-kreatürlichen Kraft. Wohingegen die dunklen Töne dieses Werks weniger der Zerstörbarkeit des Himmelskörpers gelten, als vielmehr der Trauer über die allzu kurze Zeit, die dem Menschen darauf vergönnt ist. Angesichts von Mahlers eigenem nahen Ende umgibt diese Komposition natürlich eine ganz besondere Äura. Zwei Jahre nach Vollendung der Partitur starb Mahler. "Abschied" ist denn auch das letzte der insgesamt 6 Lieder überschrieben. Während Mahler in diesem späten symphonischen Werk zu einer Art neuen Einfachheit und Schlichtheit findet, findet sich in Adès‘ Komposition ein hohes Maß an orchestraler Komplexität und Vielschichtigkeit. Sich verdichtende Klangschichten schieben sich ineinnder, übereinander – das Ergebnis hört sich an wie die ein klanggewordener geologischer Querschnitt durch die Schichten unseres Planeten, die freilich in Bewegung sind, sich fortwährend bewegen und verändern.
Zwar bekannte Adès einmal seine Nähe zu Gustav Mahler, in diesem Werk allerdings scheint er Charles Ives näher zu stehen. Eine große Ruhe und Ausdruckstiefe mit choralartigen Passagen erklingt dann im zweiten Teil der Kompositon. Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle verdeutlichten die Mehrdimensionalität dieser Musik mit geradezu seismographischer Genauigkeit und Trennschärfe, sorgten aber gleichzeitig für ein Höchstmaß an Ausdrucks- und Empfindungstiefe. Ein zweifellos faszinierendes Orchesterwerk, dem zahlreiche weitere Aufführungen zu wünschen sind.
Bei Mahler sorgte Rattle zusammen mit den phänomenalen Solisten Thomas Quasthoff und Ben Heppner für eine irisierende Zuspitzung des in den Gedichten Li-Tai-Pos enthaltenen Ingrimms, auch der Bitterkeit über die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit menschlichen Strebens. Demgegenüber leuchtet und jubelt immer wieder die Naturnotwendigkeit des ewigen Neu-Erstehens und Werdens aus der Partitur hervor. Für die wehmütigen Töne war vor allem Thomas Quasthoff zuständig, der in "Der Einsame im Herbst" und im jenseitig verklingenden "Abschied" in seiner Stimme gleichermaßen Schönheit und Wehmut aufscheinen ließ, das letzte "ewig" dann wie nicht mehr von dieser Welt sang.
Das Publikum in der Berliner Philharmonie war geradezu überwältigt von dieser souveränen Demonstration brillant musizierter Klangsinnlichkeit. Musik nicht als luxurierende Abendunterhaltung, sondern als existenzielle Seins- und Selbsterfahrung.
Robert Jungwirth

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.