Rattle dirigiert Rameau-Oper in Berlin

Musik ohne Drama

Rameaus „Hippolyte et Aricie“ erstmals in Berlin: musikalisch stimmig, szenisch kunstgewerblich

Von Klaus Kalchschmid

(Berlin, 25. November 2018) Nach der Pause, zu Beginn des dritten Akts von „Hippolyte et Aricie“ an der Berliner Linden-Oper – der ersten Rameau-Oper an diesem Haus seit über 250 Jahren – verdichtet sich die von edler Blässe angekränkelte Aufführung endlich zum elektrisierenden Drama: Da ruft Magdalena Kožená als Phädra in einer eleganten, gespiegelten Gitter-Konstruktion Venus, die „grausame Mutter der Liebe“, an, ihr doch wenigstens für den mutmaßlich gestorbenen Gatten Theseus die erotische Liebe ihres Sohnes Hippolyte zu schenken und missversteht gleich darauf diesen, als er ihr „alle zärtliche Sorgfalt des edlen Gatten“ anbietet. Es kommt zur heftigen Auseinandersetzung, bei der beide im Gerangel zu Boden gehen. Das deutet der plötzlich aus der Unterwelt zurückgekehrte Theseus gar nicht so falsch und gerät ebenfalls in Rage.

Doch diese Verdichtung des Dreieckskonflikts löst sich schon bald wieder auf: in endlose rezitativische Monologe und zarteste Duette Aricies und Hippolytes einerseits und ausufernde, wenig prägnante Ballette der Choreographin und Regisseurin Aletta Collins andererseits. Auch die fast nur aus Lichtinstallationen oder sich kräuselnden Wasseroberflächen bestehende Bühne Ólafur Eliassons (Licht: Olaf Freese) bietet wenig Konkretion, Deutung oder gar Reibung. Vielmehr kreuzen sich allerlei schlanke Lichtbahnen auf der Bühne oder zielen grüne Laserstrahlen durch wabernde Nebel in den Zuschauerraum. Der berühmte dänisch-isländische Künstler bemüht nicht nur in einer Szene eine Diskokugel, sondern hat auch die Kostüme der Sängerinnen prismenhaft schillernd als solche gestaltet, was nicht zuletzt an seine wirbelnde Installation einer Windhose im Treppenhaus des umgebauten Lenbachhauses in München erinnert, dank der glitzernden Lichtbrechungen aber den Gesichtsausdruck hier zur Nebensache erklärt. Zwar gibt es auch futuristische Kostüme für die männlichen Parzen, aber Hippolyte und Theseus tragen wohltuend schlichte Kostüme aus edlem Trikot in gedeckter Farbe über dunkler Hose.

Glücklicherweise wird in diesem allzu geschmäcklerisch beliebigen Ambiente, bei dem eine wie auch immer geartete Personenregie kaum sichtbar ist, gut bis hervorragend gesungen; am stilsichersten und schönsten vom ebenso hell wie sanft timbrierten jungen Tenor Reinoud Van Mechelen als Hippolyte, aber auch von Anna Prohaska als seiner geliebten Aricie mit vielleicht etwas kühl artifiziell, aber subtil eingesetztem lyrischen Sopran. Den exaltierten Gefühlen Phädras verleiht Jean-Philippe Rameau in der Urfassung seiner ersten Oper von 1733 – ansonsten wird die dritten Fassung von 1757 mit ausgewählten Passagen aus der posthumen Version von 1767 gespielt – vergleichsweise scharfes musikalisches Profil, das Magdalena Kožená geschickt und bühnenwirksam für entsprechend expressive Auftritte nutzt. Prägnant und ausdrucksvoll gestaltet Bariton Gyula Orendt ihren Gatten Theseus. Allerdings wird die große Szene zwischen ihm, Tisiphone (Roman Trekel) und Pluto (Peter Rose) in der Unterwelt verschenkt, weil kugelförmige, leuchtende Stahlkonstruktionen um ihre Köpfe jedes Agieren unmöglich machen. Hervorragend auch Elsa Dreisig als Diana, Sarah Aristidou als ihre Hohepriesterin; und der Staatsopernchor singt homogen und klangschön, meist aus dem Orchestergraben heraus.

Simon Rattle bewegt sich mit dem 50-köpfigen Freiburger Barockorchester durchaus selbstverständlich in den für ihn ja eher ungewohnten Gefilden der Rameauschen Musik, rafft den klassizistischen, oft kleinteiligen Faltenwurf der Partitur immer wieder durchaus straff, setzt aber weniger auf expressive Leuchtkraft und Kontraste. Dieses Beharren auf musikalischer Subtilität und Dezenz wird sogar in den Tanzszenen kaum aufgegeben, was zusammen mit der wenig pointierten Choreographie in oftmals nur schwarzen, hautengen Kostümen Durststrecken unvermeidbar macht. Leider weiß man nie, was improvisiert, unpräzise oder betont asynchron getanzt wird. Und wenn ein Ballett der Matrosen in entsprechend angedeuteten Unisex-Kostümen barfuß als eine Art Turnübung absolviert wird, ist das unfreiwillig komisch.

Wenn man schon eine dramaturgisch heikle Oper mit einer oftmals wenig theaterwirksamen Musik wie „Hippolyte et Aricie“ auf die Bühne bringt, muss man eine stringente, spannende Bühnen-Fassung dafür finden und nicht mit farbigen, aber sterilen und blutleeren Lichtinstallationen jegliche szenische Brisanz verhindern.

Werbung

 

 



0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.