Rattle Bruckner

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker Foto: Monika Rittershaus

Erzählerischer Fluss eines Kampfes

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker kontrastieren Bruckners Achte mit einer kurzen Uraufführung von Simon Holt
Von Antje Rößler
(Berlin, 5. Mai 2017) Ein Abend der Extreme! Anton Bruckners monumentaler Achter geht als winziges „Appetithäppchen“ eine Uraufführung voran; vergleichbar einer einzelnen Himbeere neben einem üppigen Truthahnbraten. Nur ein paar Minuten dauert Simon Holts Orchesterstück „Surcos“ – in derselben Zeitspanne handelt Bruckner gerade mal die Exposition seines Kopfsatzes ab.
Aber der Gegensatz im 5. Abokonzert der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle erstreckt sich nicht nur auf die Werklängen: Während Bruckners Achte imposant besetzt, mit ausufernden Spannungsbögen und gewaltigen Klangblöcken daher kommt, vernimmt man bei „Surcos“ ein schlankes Orchester, kleingliedrige Strukturen und eine kammermusikalisch filigrane Textur. „Surcos“ entstand im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker im Rahmen der „Tapas“-Reihe mit Neukompositionen von höchstens sechs Minuten Dauer.
Simon Rattle hat bereits mehrere Werke seines 1958 geborenen Landsmanns Holt uraufgeführt. Er wirkt vertraut mit dessen verwickelter, impulsiver Musiksprache.
Mit zügigem Gleichmaß reizt Rattle den Bogen des kurzen Stücks aus, der von Klanginseln einzelner Instrumente und luftigen Texturen anhebt zu einem rhythmischen Sog, der an Schostakowitschs Märsche erinnert. Man darf diese Entwicklung als ein Sinnbild des zarten, aber unaufhaltsamen Keimens aus Saatkörnern verstehen. „Surcos“ ist das spanische Wort für „Ackerfurchen“. Der Komponist hat es einem Gedicht von Antonio Machado entnommen. Die Verse handeln von einem andalusischen Bauern, der sein Saatgut auswirft.
Den Duft der gepflügten Erde dürfte auch der dem Landleben zugeneigte Anton Bruckner geliebt haben. Simon Rattle räumt den Werken des kauzigen oberösterreichischen Einzelgängers in letzter Zeit mehr Platz in seinen Programmen ein. Mit den Berlinern hat er dessen Siebte und Neunte aufgeführt. Die Achte nahm er vor einem Jahr mit dem London Symphony  Orchestra in Angriff, dessen Leitung er im Herbst übernimmt.
Rattle wählte nicht die häufiger gespielte zweite, „philologisch korrekte“ Fassung der Achten, sondern den von Robert Haas in den Dreißigern veröffentlichten Zwitter aus erster und zweiter Fassung, der eine ausgewogenere formale Balance aufweist.
Bruckners Überarbeitungsmanie machte auch vor diesem Werk nicht halt. Bereits 1884 begann er mit der Arbeit; erst 1890 war die zweite Fassung vollendet.
Bruckners letzte vollständige Sinfonie hat vielfache Architekturvergleiche hervorgerufen – aus Klangblöcken und wellenartigen Steigerungen würde der Komponist gleichsam einen mächtigen Dom errichten. Simon Rattle zwingt die Entwicklungen in einen stringenten 80-minütigen Spannungsbogen, der vom düsteren c-Moll-Schicksalsmotiv zum befreienden C-Dur führt.
Er dirigiert auswendig und zeigt sich den Musikern so intensiv zugewandt, dass er fast die gesamte Zeit auf den vordersten Zentimetern des Podests verbringt. Die Tempi nimmt er recht zügig, aber flexibel, so dass eine Episode geschmeidig in die nächste übergeht. Feine dynamische Schattierungen steigern die Lebendigkeit dieses Klangstroms, indem der  unterschwellige tonale Sog stets erkennbar bleibt. Der Unterschied zwischen Forte und Fortissimo ist steht wahrnehmbar; der Kopfsatz erlischt im feinsten Pianissimo. Die Blechfraktion ist in Hochform und spielt, inklusive der vier erhabenen Wagnertuben, samtweich und blitzsauber.
Zu Beginn des Schlusssatzes gibt es eine kurzzeitige Erschlaffung. Dann mobilisieren Rattle und die Musiker ihre Reserven, um am Ende die Hauptthemen aller vier Sätze in einen kontrapunktischen Kraftakt zu zwingen.
Während Bruckners Achte oft als eine kontrastreiche Kette statischer Blöcke dargeboten wird, kreiert Rattle den erzählerischen Fluss eines musikalischen Kampfes, der zugleich zum Befreiungsakt eines Individuums wird. Der Vorwärtsdrang seiner Interpretation intensiviert das verzweifelte Moment der Musik. Wenn im Finale noch einmal die klopfende „Totenuhr“ erklingt, ist deren Bedeutung jedem Hörer klar.
Am Ende ergibt sich eine Verbindung zwischen den beiden so unterschiedlichen Kompositionen des Abends. Beide widmen sich dem Geheimnis der Schöpfung, im Kleinen und im Großen: Holts keimendes Saatkorn wird aufgehoben im leuchtenden, die „Totenuhr“ überwindenden C-Dur-Epilog Bruckners.

In der Spielzeit 2017/18, seiner letzten Saison als Chef der Berliner Philharmoniker, gönnt sich Simon Rattle seine Lieblingsstücke. Dazu zählen Janaceks „Schlaues Füchslein“ zum Saison-Start vom 12. bis 14. Oktober 2017, Haydns „Schöpfung“ oder Rachmaninows Dritte Sinfonie. Außerdem liegt Mahlers Sechste auf dem Pult, mit der Rattle 1987 bei den Berliner Philharmonikern debütierte.



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