Rattle begeistert mit Schostakowitsch in Salzburg

Abschied ohne Pomp und Umstände

Auch in seinem letzten Gastspiel in Salzburg als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker blieb Simon Rattle seiner unspektakulären Linie treu – und bietet faszinierende Blicke auf Schostakowitsch

Von Derek Weber

(Salzburg, 28. August 2017) Es zählt zur Festspieltradition, dass Ende August die Berliner Philharmoniker ihr Gastspiel in Salzburg geben. In diesem Jahr aber stand Besonderes auf dem Programm: Zum letzten Mal leitete Simon Rattle am im Großen Festspielhaus die Berliner Philharmoniker in seiner Funktion als Chefdirigent. Am Tag zuvor hatte er ein zeitgenössisches Werk von Georg Friedrich Haas und Haydns „Schöpfung“ dirigiert und so dem Publikum bereits Gelegenheit gegeben, noch einmal sozusagen den „ganzen Rattle“ erleben zu lassen: den Klassizisten, wie den Dirigenten der klassischen wie der aktuellen Moderne.

Das letzte Konzert richtete den Blick ganz auf Dmitri Schostakowitsch, einen Komponisten, der auch im Westen viel zu lange mit dummer Häme, Vorurteilen und falschen Beschuldigungen bedacht worden ist – mit einem Blick aufs Werk in einer nicht ganz alltäglichen Kombination der Ersten und der letzten Symphonie.

Durch die Erste, die er am Ende seines Studiums am Petersburger Konservatorium schrieb, weht der frische Geist des jugendlichen Umgestüms, dem jede obrigkeitliche Bedrohung noch fremd war. „Was kostet die Welt?“, scheint der von der russischen Revolution beeinflusste Komponist zu fragen. „Wir sind dabei, sie zu ändern.“ An das, was dabei am Ende herauskommen würde, dachte er mit Sicherheit nicht.
Bei dieser Symphonie, die ihm in ihrem kauzigen und feinen Humor entgegen kam, ließ sich Rattle Zeit zum detaillierten und genauen Ausgestalten, vergaß nicht auf die Referenzen auf russische nationale Musik des 19. Jahrhunderts und ließ insgesamt eine transparente Trennschärfe walten, die das Hören leicht machte.

In der 15. Symphonie von 1971 ist all das, was dem Komponisten in den dazwischen liegenden Jahrzehnten an perfider Demütigung und Peinigung angetan worden war, zwar gegenwärtig, aber eben auch schon hinter sich gelassen. Sie lebt in Zitaten, Zitaten aus Wagners „Götterdämmerung“, dem „Tristan“ und der Todesverkündigung aus der „Walküre“ als Erinnerung weiter. Das Drohende scheint gebannt, und neben unsäglicher Trauer sprechen auch Heiterkeit und Abgeklärtheit aus ihr. Schostakowitsch blickt zurück, auch auf seine eigene Musik, spielt mit der Tradition, zitiert frech und wörtlich Motive aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Musik, und ist dabei geradezu unverschämt tonal. Alles scheint ihm nun erlaubt.

Der doppelte Boden, der sonst in seinen Symphonien eingezogen ist, hier ist er nicht mehr von Nöten. Alles liegt offen nebeneinander zutage, das Schalkhafte wie die Traurigkeit, und die resignative Erkenntnis, dass das Leben unter der stalinistischen Diktatur nicht anders zu führen gewesen ist. Hier spricht ein kranker Mann, der von der vorwitzigen Flöte, der träumerischen Celesta, den Castagnetten und der aufrührerischen kleinen Trommel nicht lassen kann. Diese kleinen Perkussions-Utensilien bestimmen den letzten Satz von Schostakowitsch‘ letzter Symphonie. Das Werk entstand zum Teil im Krankenhaus.

Simon Rattle hat sich mit Bedacht ein sehr ungewöhnliches Programm in noch viel ungewöhnlicherer Reihung für sein Salzburger Abschiedskonzert ausgesucht. Die Erste stand am Anfang. Der Symphonie ließe sich noch zujubeln. Doch wenn sich eine Symphonie so gar nicht für den großen Jubel eignet, dann ist es Schostakowitsch‘ letzte, ein Werk des Abschiednehmens. Und der Dirigent ersparte dem Publikum kein Jota von den Gefühlen, die den kranken Komponisten bewegt haben mögen, und die ins Werk eingeflossen sind.

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