Rake's Progress

Pop-Art-Wüstling

Der Teufel trägt Pailletten: Florian Hoffmann, links, (Tom Rakewell) und Gidon Sacks (Nick Shadow) Foto: Ruth Walz

Krzysztof Warlikowski inszeniert, Ingo Metzmacher dirigiert Strawinskys Oper "The Rake’s Progress" an der Berliner Staatsoper

(Berlin, 10. 12. 2010) Mit einem kleinen Mozart-Orchester, barocken Stilelementen und einer Handlung, die sich an Kupferstichen des englischen Sittenmalers William Hogarth orientiert, ist "The Rake’s Progress" eigentlich prädestiniert für ein kleines Haus. Umso bedauerlicher, dass sich von all dem Witz, der Leichtigkeit und Dramatik, die dem Komponisten Strawinsky vorschwebte, bei der jüngsten Staatsopern-Premiere im Schillertheater nur wenig vermittelte. Das hat in erster Linie Regisseur Krzysztof Warlikowski zu verantworten, der die neoklassizistische Kammeroper mit der Brechstange in die Pop-Art-Ära Andy Warhols katapultiert.

Der Pole inszeniert die Geschichte um den Fall des Wüstlings Tom Rakewell, der unter dem schlechten Einfluss seines teuflischen Freundes Nick Shadow seine treue Geliebte Anne Trulove im Stich lässt, ein bärtiges Mannweib heiratet, dem Ruin verfällt und schließlich wahnsinnig wird,  als schrille Show. Das fängt schon damit an, dass zu Beginn die Sopranistin Anna Prohaska und der Tenor Florian Hoffmann mit Mikrofonen an die Rampe treten und als Ehrengast im Publikum den vermeintlich echten Tom Rakewell begrüßen, dessen Leben sie gleich nachspielen werden. Die Bühne in dieser Produktion wird also selbst zu einer Theaterbühne, auf deren Rang der Chor (Einstudierung: Frank Flade) Platz nimmt.

Optisch fühlt man sich an zahlreiche Produktionen Frank Castorfs in der Volksbühne erinnert: Man fläzt sich auf schicker Ledercouch (Bühne: Malgorzata Szczesniak), raucht, knabbert Chips, und mit dabei ist stets die Videokamera, die die Gesichter live in close ups auf die Großleinwand projiziert. Ganz ähnlich inszenierte Warlikowski "Un Tramway", seine Bearbeitung  von Tennessee Williams Theaterstück "Endstation Sehnsucht", bei der er sich ebenfalls atmosphärisch weit vom Original entfernte, nur dass die französische Schauspielerin Isabelle Huppert dieser Aufführung ein paar Glanzlichter aufsetzte.
Ein solcher Star fehlt bei der Strawinsky-Produktion, wenngleich immerhin mit Anna Prohaska, die einmal mehr einen strahlklaren, in allen Lagen sicher und schlank geführten Sopran hören ließ und dem profunden Countertenor Nicolas Ziélinski zwei starke Sängerpersönlichkeiten mit der Partie sind, die das Premierenpublikum zurecht bejubelte.

Anna Prohaska (Anne, l.) und Nicolas Zièlinski (Türkenbaba, r) Foto: Ruth Walz

Dabei war nicht zu übersehen, dass es Warlikowski vor allem auf eine schwule Zielgruppe absieht: Im Original ist die Figur der mannsweibischen Türkenbaba für einen Mezzosopran geschrieben, hier besetzte der Regisseur sie männlich mit Ziélinski, der – ausgestattet mit Langhaarperücke, hohen Pumps, Netzstrümpfen und silbernem Paillettenkleid – eine Georgette-Dee würdige Transvestitennummer aufs Parkett legte. Umringt war er dabei mitunter von halbnackten Statisten-Boys, und auch die ambivalente Beziehung zwischen Tom und Nick wird hier geprägt von erotischen Spannungen.

Auch in musikalischer Sicht hinterlässt diese Produktion einen eher blassen Eindruck. Nicht ganz unschuldig am ernüchternden Gesamtergebnis ist Ingo Metzmacher, der erstmals die Staatskapelle leitete. Er dirigierte solide, erreichte aber nicht die nötige Transparenz und ließ es an farblichen Wechseln fehlen. Am besten ist noch das Sängerensemble. Zur Entdeckung neben Anna Prohaska und Nicolas Ziélinski wurde dabei der Tenor Florian Hoffmann in der tragenden Partie des Tom Rakewell, eine warme, schlanke, schöne Stimme zum Aufhorchen. Weniger glücklich besetzt war sein Gegenpart Nick Shadow: Gidon Sacks hat einen rauen, in der Höhe wenig geschmeidigen Bassbariton und Mühen im Pianobereich.
Dem Abend fehlt es an Leichtigkeit, an Esprit. Und vor allem an gutem Geschmack!

Kirsten Liese

 

 



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