Quatuor Ebène und Jurowski beim Bremer Musikfest

Der Dirigent des Gemetzels

Mit zwei Highlights beschließt das Bremer Musikfest sein diesjähriges Festivalprogramm

Von Robert Jungwirth

(Bremen, 8. und 9. September 2017) Wie so oft bei Schostakowitsch hat auch seine 11. Symphonie einen doppelten Boden. Natürlich ist sie zunächst und vor allem – der Titel „Das Jahr 1905“ macht das ja klar – ein musikalisches Historiendrama über die brutale Niederschlagung des Petersburger Aufstands von 1905 durch den letzten Zaren und über den Anfang vom Ende des Zarismus in Russland. Und damit in den Augen und Ohren der Sowjets der 50er Jahre genau das, was man vom Staatskomponisten erwartete: eine Huldigung an die kommunistische Revolution. So hat man das Werk in der UdSSR gehört und gewürdigt. Doch Schostakowitsch, den das kommunistische Regime jahrzehntelang drangsaliert und eingeschüchtert hat, bishin zur blanken Angst ums eigene Leben, hatte natürlich nicht viel Anlass, genau diesem System zu huldigen. Und er tat es auch nicht. Jedenfalls nicht uneingeschränkt. Dafür gibt es ja doppelte Böden…

Auch die 11. Symphonie, 1957 entstanden, klingt auf mehreren (zeitlichen) Ebenen. Der ausschließliche Bezug auf das Jahr 1905 scheint in jedem Fall zu kurz gegriffen. Was hier hörbar und erfahrbar wird, ist über das Leid und den Schrecken der Menschen im Russland des Jahres 1905 hinaus, Leid und Schrecken der Menschen in einem jeglichen repressiven staatsterroristischen System, also natürlich auch dem, dem der Komponist selbst ausgeliefert war. Ob Schostakowitsch gar auf den gewaltsam beendeten Prager Frühling Bezug nimmt, darüber kann man nur spekulieren, Belege dafür gibt es nicht.

Das London Philharmonic Orchestra unter seinem Chefdirigenten Vladimir Jurowski jedenfalls machte die unheilvolle und bedrohliche Atmosphäre des Beginns beinahe körperlich erfahrbar – einschließlich der klirrenden Kälte auf dem „Platz vor dem Palast“. Die zitierten Volksliedmelodien dagegen veranschaulichen die Hoffnungen der Menschen auf eine Zukunft ohne Gewalt und Not. Die Brutalität der Staatsgewalt indes mähte alles nieder. Auch das wird selbstverständlich hörbar in Schostakowitschs Musik, weshalb sie mitunter etwas wie Filmmusik wirkt. Aber Filmmusik, die wiederum auf mehreren Ebenen agiert. All das arbeiteten Jurowski und seine Musiker wunderbar plastisch heraus, ließen es auch an Drastik nicht mangeln – so dass man mit den dicht gedrängt auf der Bühne von Bremens nicht gerade überdimensionierter Glocke sitzenden Musikern durchaus Mitleid haben konnte, ob der Dezibel-Wucht, derer sie ausgesetzt waren. Aber die Musiker waren tapfer und spielten punktgenau bis zum Schluss, der natürlich eine Mahnung ist an alle Menschen aller Zeiten, Unfreiheit und Staatsterrorismus nicht entstehen zu lassen…Denn ist er einmal da, ist es zu spät und es gibt nur mehr wenig Hoffnung. Und auch Jurowski erwies sich als souveräner Dirigent des Gemetzels.

Von den kommenden Gräueln wußte Igor Strawinsky noch nichts, als er 1908 sein „Grablied für seinen Lehrer Rimsky-Korsakow“ komponierte. Dass es mit dem Zarenreich zu Ende gehen würde, das mag er vielleicht geahnt haben. Erst 2015 war dieses verschollen geglaubte Werk aufgetaucht. Umso schöner, dass Jurowski es aufs Programm setzte. Von Strawinsky ist darin zwar noch kaum etwas zu hören, dafür viel von seinem Lehrer, dessen Ableben er pathosselig beweint.

Und passend dazu folgte darauf Alban Bergs berühmtes Grablied für Manon Gropius: das Violinkonzert „Dem Andenken eine Engels“ von 1935. Dieser Klagegesang für ein vor der Zeit gestorbenes Mädchen, dem man die schönste Zukunft vorausgesagt hatte, ist gleichzeitig ein wahrhaft zu Herzen gehendes Porträt dieses Mädchens in Musik. Der äußerlich kaum wiederzuerkennende Geiger Christian Tetzlaff – mit Pferdeschwanz, Bart eingetauscht hat und ohne Brille – spielt es mit Jurowski mit geradezu zornigem Ingrimm. Fast klingt es wie eine Anklage, warum um Gottes Willen dieses Mädchen sterben mußte und ein Auflehnen dagegen. Natürlich steckt auch das in Bergs Partitur, nur hört man es meist nicht so deutlich. Solist und Dirigent zogen hier an einem Strang, mehr Drastik denn Schönklang und Verklärung.
Beeindruckt zeigte sich – wie auch nach dem Schostakowitsch – das Publikum des Bremer Musikfests, das Musiker, Dirigent und Solist begeistert feierten.

Schon tags zuvor hatten die vier Musiker des französischen Quatuor Ebene zusammen mit dem Pianisten Nicholas Angelich und dem Klarinettisten Pierre Genisson für ein weiteres Highlight des diesjährigen Festivals gesorgt (mit James Boyd an der Bratsche für den erkrankten Adrien Boisseau). Auf dem Programm standen das Klarinetten- und das Klavierquintett von Brahms, zwei der herausragenden Kammermusikwerke der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei ist das Stück mit Klarinette ein Spätwerk (1891), das Brahms überhaupt nur durch die Inspiration eines phantastischen Klarinettisten komponiert hat. Vor allem dessen zarter Ton hatte es ihm angetan. Und über einen solchen zarten Piano-Ton verfügt auch der 1986 in Marseille geborene Génisson. Schon mit dem Einsatz des Hauptthemas im ersten Satz beginnen die Musiker förmlich abzuheben und zu schweben.

Leicht und klar klang ihr Brahms, fast impressionistisch, nicht verschwurbelt abgedunkelt – für dieses Werk geradezu ideal. Wie Spinnfäden in einem Herbstwald ziehen sich die Melodielinien durch das Werk, kein orgelndes Cello trübt die impressionistische Klarheit ein. Fast ist man überrascht über das düstere Moll, mit dem der erste und der letzte Satz schließen.

Quatuor Ebène und Nicholas Angelich Foto: Jungwirth

Im Klavierquintett hingegen kommt ein orchestralerer Ausdruck zum Tragen, hier klingen die Ebenes dann vielleicht doch etwas zu hell timbriert. Auch das Rauschhafte ist nicht so sehr ihre Sache, mitunter fehlt es an der Grundierung durch die tiefen Stimmen. Angelich agiert zuverlässig, aber auch nicht wirklich mehr. Akzente kommen von ihm kaum. Aber vielleicht erwartete man nach dem phänomenalen Klarinettenquintett auch einfach zu viel.

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