Quatuor Ebene Hamburg

Ebenholz und französische Eiche

Quatuor Ébène Foto: Juliien Mignot

Mit dem Quatuor Ébène trat erstmals ein Streichquartett im kleinen Saal der Elbphilharmonie auf – auch in diesem Saal überzeugt die Akustik nicht uneingeschränkt
Von Klaus Kalchschmid
(Hamburg, 26. Januar 2017) Ein kleiner Schock trifft den Neuling, wenn er die „kleine Elbphilharmonie“ in Hamburg erstmals betritt, denn die Wände aus französischer Eiche unter einer hohen schwarzen Decke sind gefräst, als wären sie ein einziger Streuselkuchen oder gelbe Schwämme, wie man sie von alten Weinkellern kennt. Wird das Licht gedimmt, verstärkt sich das Gelb noch, aber weit größer ist die Überraschung, wenn das Quatuor Ébène (zu Deutsch: Ebenholz) die neue Streichquartett-Reihe der Elbphilharmonie eröffnet und Mozarts d-moll-Quartett KV 417b fast unhörbar leise beginnt. So fein schimmernd die Pianissimi in diesem klassisch rechteckigen Raum für bis zu 550 Besucher klingen, so verstörend ist alles andere, weil es so gut wie keinen Nachhall, also kaum räumlichen Klang gibt. Daher entsteht nie eine homogene Rundung der vier Streicher, und jeden einzelnen Musiker hört man auch als separate Stimme. Weil aber das Quatuor Ébène sowieso glasklar und strukturell durchleuchtend und oftmals fast ohne Vibrato spielt, stützt der Raum diese Interpretation nicht, sondern führt sie beinahe ad absurdum. Sowohl bei Spielern wie Hörern stellt sich fast etwas wie Beklemmung ein, so schön einzelne Momente im Leisen gelingen und der Röntgenblick auch neue Einsichten zu Tage fördert. Dabei wäre der Reichtum gerade dieses Quartetts mit seinem so vielgestaltigen finalen Variationensatz ein wunderbarer Einstieg für das Konzert.
Danach spielen die vier jungen Franzosen zum überhaupt ersten Mal öffentlich das f-moll-Quartett op. 95 von Ludwig van Beethoven. Und schenken weder sich noch uns irgendetwas, scheren sich auch nicht um die Akustik, die die herbe Attacke schnell hässlich und rau klingen lässt. Was Beethoven da in einem kaum mehr der klassischen viersätzigen Sonatensatzform gehorchenden, gleichsam durchkomponierten Stück immer wieder wie ein Vulkan ausbrechen lässt, ist nichts weniger als ein, wie das Programmheft süffisant bemerkt, „komponiertes Frustfoul“; soll heißen, Beethoven antwortete auf den Vorwurf, sein op. 59 sei „bizarr“ und „nicht fasslich“ nun wirklich mit einem Solitär, der schroffe Kanten aufweist und nur selten „verständlich“ ist – bis hin zum plötzlichen geradezu spöttisch klingenden Mendelssohn-Ton kurz vor Schluss, der zu sagen scheint: „Ha, Leute ich könnte auch anders, aber ich will es nicht!“
In der folgenden Pause im allzu vollen, allzu niedrigen Foyer ganz aus braunem Holz wird heftig über die Akustik diskutiert, später Plätze getauscht und sich gefreut auf das Ravel-Quartett, das ein Parade-Stück der Ébènes ist, von ihnen oft gespielt und gehört. Tatsächlich geschieht ein kleines Wunder! Liegt es daran, dass Pierre Colombet, Gabriel le Magadure, Raphaël Merlin und ihr neuer Bratscher Adrien Boisseau den Ravel schon beim „Blinde Date“ (zusammen mit Jazz) am gleichen Ort vor zwei Tagen gespielt hatten? Oder vertragen die raffinierten Harmonien und der Klangsensualismus dieses Stücks eine so trockene, ja spröde (Studio-)Akustik nicht nur, sondern ist sie ihnen sogar zuträglich? Jetzt endlich leuchten Akkorde, haben Linien plastische Kontur, spürt und hört man einen lebendigen Organismus. Auch die beiden launigen Piazzolla-Zugaben – darunter der berühmte Libertango – fühlen sich hörbar wohl in diesem Raum, und wir mit ihnen.
Am 6. Mai 2017 spielt das Quatuor Ébène fast dasselbe Programm im Münchner Herkulessaal. Dann steht statt Ravel das Debussy-Quartett auf dem Programm.


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.