Quatuor Ebene

Konzertkritik: Quatuor Ébène

Wunder zu viert

Quatuor Ébène Foto: Julien Mignot

Das Quatuor Ébène spielte erstmals mit seinem neuen Bratscher in München – und begeisterte
Von Klaus Kalchschmid
(München, 24. November 2015) Was für ein ausnehmend seltener, geradezu magischer Moment am Ende des langsamen Satzes von Joseph Haydns frühem C-Dur-Streichquartett op. 20/2! Das rezitativische „Capriccio“, in dem sich Cello oder auch erste Geige in herzzerreißendem Sehnsuchtston ergehen – und das bereits 1772, 25 Jahre vor Franz Schuberts Geburt! – endet mit einem Halbschluss und geht beinahe nahtlos in das Menuetto über: So fein, zart und verzaubernd war das wohl noch nie zu hören, weshalb der vollbesetzte Herkulessaal die Luft anhielt.
Auch zu Beginn der Fuge des Finales nahmen Pierre Colombet, Gabriel Le Magadure und Raphaël Merlin am Cello sowie ihr neuer Bratscher, der erst 24-jährige Adrien Boisseau, das ausdrückliche „sotto voce“ mehr als wörtlich und spielten nicht nur einfach „leise“, sondern extrem ins Pianissimo zurückgenommen; nur um den schnellen Schlussteil dann auch – wie vorgeschrieben – im Forte explodieren zu lassen. So gespielt, ja als zerbrechliche Kostbarkeit zelebriert, wird Haydn nicht nur als „Vater der Symphonie“, sondern auch als erster Meister der Königs-Gattung des Streichquartetts in jedem Takt mit unerhörter Sensibilität erlebbar. Dass vier in Temperament und Charakter so unterschiedliche junge Männer derart differenziert aufeinander reagieren und immer wieder zu einem Organismus verschmelzen, ist wohl einer bedingungslosen Hingabe an und einer gemeinsamen Leidenschaft für die Musik, wohl auch aber einer minutiösen Probenarbeit geschuldet.
Die sieben knappen, vielgestaltigen Nacht-Sätze von Henri Dutilleuxs „Ainsi la nuits“, uraufgeführt 1977, wurden danach liebevoll seziert, in all ihren Facetten und ungewöhnlichen Spieltechniken kongenial durchgeformt und bis in die hintersten Winkel durchleuchtet. Aber mit Ludwig van Beethovens gewaltigem spätem Opus 132 ereignete sich etwas, das man mit Worten kaum beschreiben kann. Man müsste ausführlich darlegen, wie jeder Akkord aus dem Innersten heraus leuchten durfte, wie jede Phrase faszinierend Gestalt annahm, wie jeder fast unmerkliche Wechsel in Tempo oder Lautstärke aus der Musik entwickelt und zum Ereignis wurde.
Selten ist das Gefüge eines Beethoven‘schen Kopfsatzes beim Hören so klar und zwingend erlebbar wie hier das „Assai sostenuto“: Jeder Klang hatte seine Funktion, jede Phrase ihren Ursprung und ihr Ziel, jede dynamische oder feine agogische Veränderung erzählte oder verstärkte ein Geschehen. Schlicht vollkommen gespielt war der seltsame Tanzsatz an zweiter Stelle, wahrhaft leidenschaftlich und doch nie übers Ziel hinausschießend musizierten die vier Franzosen am Ende das „Allegro appassionato“ des Finales. Aber auch hier gab es einen Satz, der über allem schwebte: den „Heiligen einen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart“.
Damit hatte das Quartett vor einem Jahr am selben Ort seinen Gründungs-Bratscher Mathieu Herzog in der Zugabe verabschiedet. Und nun wurde der diesmal fast 20 Minuten lange, zentrale Mittelsatz, der an Innigkeit und Expression alles übertrifft, was vor Schubert für Streichquartett komponiert wurde, einmal mehr zur alles überstrahlenden Sonne. Trotz eines enorm langsamen Tempos herrschte eine atemraubende Spannung, folgten die einzelnen Abschnitte mit bestechender Logik aufeinander, vermochte schon der Grad an Vibrato Ausdruck und Emotion seismografisch genau zu verändern.
Es ist sicher noch zu früh festzustellen, wie der neue Bratscher das Quartett verändert hat; wie sich in der Folge die ganz konkrete Deutung einzelner Phrasen und des Gesamtgefüges eines Satzes gewandelt hat, aber auch allgemein der Klang des Ensembles und die Balance der einzelnen Instrumente. Und doch fällt auf, wie genau Adrien Boisseau mit den anderen Musikern kommuniziert, über seine Augen, mit seinem Spiel. Vor allem im ganz verhaltenen Musizieren – irgendwo noch jenseits des Pianissimo – realisiert das Quatuor Ébène nun einen oft radikal ätherischen, aber manchmal auch ganz fahlen Klang, den das Ensemble bei allem schon immer verblüffenden Kontrastreichtum und aller Filigranität des Spiels so noch selten riskiert hat.

 

 



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