Quatuor Ebene 2009

Meister zwischen Klassik und Jazz

Das Quatuor Ébène mit Haydn und Schubert im Herkulessaal; Debussy, Fauré und Ravel auf CD – und Jazz im Rundfunk
(München, 14. Januar 2008) Mehr ging nicht: Bis auf den letzten Podiums- und Stehplatz war der Herkulessaal gefüllt, als das Quatuor Ébène einmal mehr seit seinem triumphalen Erfolg beim ARD-Wettbewerb 2004 in München auftrat und ebenso keck wie mutig den ersten Akkord von Haydns op. 74/1 in C-Dur gleich zu Beginn in den Applaus wie einen Keil hineintrieb. Danach musizierten die vier jungen Franzosen mit riskanter Verve und unbändiger Lust am Kontrast zwischen launiger Derbheit und zartem Dahinschmelzen, bewußter Behäbigkeit und wildem Galoppieren. Am Ende gab es kein Halten mehr und ohne Rücksicht auf Schönklang wurde Haydns Witz und Esprit zum überbordenden Ereignis.
Man spürte, wie glücklich die vier mit ihren alten italienischen Instrumenten sind, die ihnen erst kürzlich die Forberg-Schneider-Stiftung in München zur Verfügung stellte. Und so wurde die Neugier auf Franz Schuberts spätes d-moll-Quartett „Der Tod und das Mädchen“ nicht enttäuscht: Derart ergreifend, diffizil und existentiell spielt den Variationensatz über Schuberts Vertonung des Matthias-Claudius-Gedichts heute kaum ein Quartett. Wer kann das Thema zugleich derart schlicht und trostvoll musizieren, wer entdeckt sublimierte Schrammelmusik in der vierten Variation oder wagt am Ende in den Mittelstimmen einen vibratolos gläsernen Klang wie das Quatuor Ébène?
Eine Aura von zerbrechlicher, gefährdeter Schönheit wehte am Anfang um die erste Geige, den gesundheitlich angeschlagenen Pierre Colombet. Wie aus einer anderen Welt tönte später dank Raphaël Merlin die selbstvergessene Cello-Kantilene herein. Großartig, wie die Ébènes manchmal am Rande des Verstummens spielten, fahle Akkorde in den Raum stellten oder die komponierte Katastrophe kurz vor Ende des Finales zu einem veritablen Weltuntergang steigerten.
Dagegen nimmt sich das dazwischengeschaltete späte e-moll-Quartett op. 121 des 70-jährigen Gabriel Fauré wie ein milder Glanz im Abendlicht aus: der rechte, diffizil entfaltete Gegensatz zu Haydn wie Schubert. Auf ihrer neuen CD – der ersten für das Label Virgin – steht dieses Quartett zwischen Debussys g-moll-Quartett op. 10 und dem großen F-Dur-Quartett von Maurice Ravel. Viel zurückgnommener, weniger frei strömend klingt das in der Konserve, während bei Debussy und Ravel die unvergessenen Live-Eindrücke vom Januar letzten Jahres im Herkulessaal (Ravel) oder Debussy (September 2008 in Gauting) ihre Bestätigung erfahren: Quartettspielkunst allerersten Ranges, wie sie heute nur wenige Ensembles, ob jung oder schon älter, beherrschen.
In Gauting, nahe München, wo die Ébènes im „Bosco“ letztes Jahr für drei Tage so etwas wie „Artists in residence“ waren, konnte man sie nicht nur mit Mozart, Haydn, Brahms und Debussy im Quartett erleben, sondern auch mit der Harfenistin Isabelle Moretti im Quintett. Außerdem war der Film von Christoph Brech zu sehen, der in kühner Überblendung der vier Gesichter Impressionen von den Proben zu Bartóks zweitem Quartett, Schuberts „Tod und das Mädchen“ und Filmmusik zeigte.
Einen ganzen Abend lang spielten Pierre Colombet und Gabriel le Magadure, Mathieu Herzog und Raphaël Merlin außer Filmmusik (Modern Times, Pulp Fiction, Bagdad Café, Philadelphia, Oceans Twelve)) mit dem Schlagzeuger Richard Hery Jazz auch Standards von Miles Davis, Paul Desmond, Chick Corea und vielen anderen. Je mehr der Abend fortschritt, desto freier wurden vor allem der erste Geiger und der Cellist, umso temperamentvoller gingen die vier Streicher und der schlagzeuger zur Sache. Fast hatte man das Gefühl, dass die vier Jungs, alle kaum über 25, gerade hier die Freiheit genießen, die sie bei der klassischen Quartett-Kunst so nicht ausleben dürfen. Am 12. Februar (23.05 Uhr) ist der Mitschnitt auf Bayern 4 Klassik zu hören.
Klaus Kalchschmid

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