Proserpine von Silvia Colasanti beim Festival Spoleto

Solidarität der Frauen

Beim Festival Dei Due Mondi in Spoleto wurde die Oper „Proserpine“ von Silvia Colasanti uraufgeführt

Thomas Migge

(Spoleto, Ende Juni 2019) Das Festival Dei Due Mondi in Spoleto vermittelt seinen Besuchern den Eindruck, Erbe jenes Festivals sein, dass 1958 von dem italoamerikanischen Komponisten Gian Carlo Menotti im Umbrischen Spoleto gegründet wurde. Dieses einst künstlerisch glorreiche Festival unter der Leitung von Menotti und seinem Sohn, in dessen Zentrum immer die Musik stand, endete 2007.

Schulden und ein jahrelanger Streit mit dem Kulturministerium, das den Löwenanteil der Finanzmittel zur Verfügung stellte, führten nach dem Tod des Komponisten zu einem radikalen Kurswechsel. Seit 12 Jahren steht das Festival nun unter Leitung des Theaterregisseurs Giorgio Ferrara. Und der hat mit Musik nicht viel im Sinn. Pro Festival gibt es nur noch eine einzige Oper und einige wenige Konzerte. Ferrara führt bei diesen Opern Regie, mit sehr mäßigem Erfolg. Leider auch in diesem Jahr.

Ferrara, unterstützt von dem französischen Schriftsteller René de Ceccatty, adaptierte für die Bühne das Drama „Proserpine“ von Mary Shelley von 1832, der Autorin von „Frankenstein“. Das Drama von Mary Shelley enthält auch zwei Kurztexte von Percy Shelley. Silvia Colasanti, eine der interessantesten und auch im Ausland bekanntesten italienischen Komponistinnen, erhielt den Auftrag, dieses Drama in Musik zu setzen. Ihre Oper in zwei Akten „Prosperine“ erlebte beim diesjährigen Spoleto Festival Dei Due Mondi ihre Uraufführung. Die Handlung der Oper basiert auf Ovids Erzählung über die Entführung von Ceres’/Demeters Tochter Proserpine/Persephone durch Pluto in den Hades, und die Klage der Mutter, die schließlich dazu führte, die Götter zu erweichen und Prosperine zurückzugeben. Allerdings mit der Bedingung, dass Proserpine nur die Hälfte des Jahres auf der Erde weilen darf, die andere Hälfte im Hades.

„Im Zentrum dieses Dramas“, so die Komponistin, „steht die Solidarität zwischen Frauen, gegen Männer, die als Bedrohung empfunden werden“. Insofern ist „Proserpine“ für Colasanti ein aktuelles Drama. Wie in allen musikalischen Werken der 1975 geborenen Colasanti ist die Dramaturgie eines der wichtigsten Elemente ihrer Musik. Formell bleibt sie auch in „Proserpine“ in der Tradition des Recitar cantando. Es wird auch in dieser Oper deutlich, dass die Komponistin vor allem in der symphonischen Musik zuhause ist. Sie spielt mit musikalischen Elementen vergangener Epochen und vermischt sie mit einer zeitgenössischen, aber durchaus melodischen Musik zu ungemein dichten Klangelementen, die selbst kritische Zuhörer in der Regel nicht kalt lassen.

Von einem eigentlichen Stil Colasantis zu sprechen ist schwer. Dafür sind ihre Kompositionen zu eklektizistisch angelegt. Kammermusikalische, symphonische, minimalistische und barocke Klangformen finden zu etwas Neuem zusammen. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, an richtig gut gemachte Filmmusik zu denken, ohne der Komponistin damit Unrecht zu tun.

In ihrer Oper „Proserpine“ fordert sie viel von den Sängern. Vor allem von Proserpines Mutter Ceres, die ein hervorragender Koloratursopran sein muss – und in der Spoletiner Uraufführung auch ist. Immer bleibt die Musik melodisch. Selbst in den dramatischen Momenten der Handlung, der Entführung Proserpines in den Olymp, nutzt Colasanti keine dissonanten Klangeffekte.
Die Sänger der Uraufführung in Spoleto waren allesamt hervorragend. Sharon Carty als Ceres, Disella Larusdottir als Proserpine, Anna Patalong als Ino und Silvia Regazzo als Euneo sowie, als einziger Mann, Lorenzo Grante als Ascalaphus. Auch das Orchestra Giovanile Italiana unter Leitung von Pierre-André Valade muss für seine gefühlvolle und intensive Interpretation der Musik gelobt werden. Das Bühnenbild des italienischen Künstlers Sandro Chia war eine abstrakte Farbkomposition, deren Sinn sich nicht erschloss.

Und die Regie von Giorgio Ferrara? Sie war, wie fast immer wenn er sich an Oper versucht, zu statisch und steif. Es reichte also die Augen zu schließen und sich ganz der Musik der neuen Oper von Silvia Colasanti zu überlassen. Einer ungemein intensiven, komplexen, tonal reichen und damit auch kurzweiligen Musik.

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