Prokofjews Komödie Die Verlobung im Kloster in Berlin

Süchtige im Sitzkreis

An der Berliner Staatsoper betreibt Dmitri Tcherniakov eine ermüdende Gruppentherapie in Prokofjews Komödie „Die Verlobung im Kloster“ – Daniel Barenboim und die Staatskapelle überzeugen dafür umso mehr 

Von Antje Rößler

(Berlin, 14. April 2019) Rossini und Mozart lassen grüßen. Als Vorlage für die sechste seiner insgesamt acht Opern wählte Sergej Prokofjew eine Komödie von Richard Brinsley Sheridan, die 1775 erfolgreich in London gegeben wurde.
Es gibt da einen Reigen von Verkleidungen und Verwechslungen im Karnevalstrubel von Sevilla. Der reiche, aber alternde Fischhändler Mendoza wandelt auf Freiersfüßen. Von jungen Liebesleuten und einer gewitzten Magd wird er an der Nase herum geführt. Am Ende findet eine glückliche Doppelhochzeit statt.
Von Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“ gab es hierzulande lediglich drei Inszenierungen Ende der Fünfziger; in Leipzig, Düsseldorf und Berlin. Nun hat die Berliner Staatsoper diese Rarität wieder ausgegraben; Daniel Barenboim und Dmitri Tcherniakov bringen das Stück auf die Bühne.

Warum widmete sich Prokofjew im Frühjahr 1941 – der Weltkrieg war schon im Gange – einer Verwechslungskomödie des 18. Jahrhunderts? Vielleicht konnte er sich ein wenig identifizieren mit dem angegrauten Fischhändler, Immerhin war der Komponist selbst in die 25 Jahre jüngere Literaturstudentin Mira Mendelson verliebt, die seine zweite Ehefrau wurde. Sie legte ihm Sheridans Komödien ans Herz; beide zusammen verfassten das witzige Libretto.
Die Zeit war freilich nicht reif für solche Späße. Die Uraufführung wurde verschoben, weil man nach Hitlers Einmarsch den Moskauer Theaterbetrieb einstellte. Ende 1946 lief das Stück dann in Leningrad; bald verschwand es jedoch als „typische Erscheinung des Formalismus“ von den Bühnen.

Was aber lässt sich heute anstellen mit diesem Stück, in dem beim besten Willen kein tragischer Kern zu entdecken ist? Nebenan an der Komischen Oper hätte Barrie Kosky wohl eine kunterbunt durchgeknallte Burleske vorgelegt.
An der Staatsoper hingegen sucht Dmitri Tcherniakov, 1970 in Moskau geboren und als Regie-Star zwischen New York und Mailand herum gereicht, sein Heil in einer aktuellen Rahmenhandlung.
Das eigentliche Operngeschehen verläuft hier als Gruppentherapie. Die „Anonymen Opernabhängigen“ treffen sich in einem sterilen Sitzungssaal; unter ihnen eine Bloggerin, ein Hotel-Rezeptionist und ein „enttäuschter Opernkritiker“ – so verraten es die an die Wand projizierten Infos.

Die Opern-Süchtigen spielen unter Anleitung eines „Moderators“ (Maxim Paster). Ein farbloser Büro-Tolpatsch mit dicker Brille gibt den Ferdinand (Andrey Zhilikhovsky); ein lebenslustiges Dickerchen im Blümchenhemd den Fischhändler (Goran Jurić). Der elegante Anzugträger wird zu Don Jerome (Stephan Rügamer), Vater von Luisa und Ferdinand. Die beiden lieben andere Partner, als es dem Vater vorschwebt, wodurch die Verwicklungen ihren Anfang nehmen.
Zwischendurch leitet der Moderator Atem- und Entspannungsübungen; mit Suggestionen, die die Sucht austreiben sollen: „Ich verbanne die Oper aus meinem Leben.“ Witzig ist auch ein Motivationsvideo, das Jene zeigt, die ihre nutzlos zeitfressende Opernpassion überwunden haben. Nun finden sie endlich wieder Zeit fürs Kochen und die Kinder.

Die Darsteller setzen Prokofjews graziösen Buffo-Ton punktgenau in lebendiges Spiel um. Wunderbar werfen sich der geldgierige Don Jerome und der selbstverliebten Fischhändler die Bälle zu. Kraftzentrum ist die Haushälterin, die Duenna. Violeta Urmana spielt diese raffinierte Megäre; mit Haaren auf den Zähnen und großem Herzen zugleich. Im roten Gaze-Kleid kokettierend, hat sie bald den Fischhändler an der Angel.
Das Ensemble wahrt das heikle Gleichgewicht zwischen komischem und lyrischem Ton. Die Partie der Luisa – ein koketter, besserwisserischer Backfisch – bauscht Aida Garifullina allerding zu sehr dramatisch auf. Ihr Sopran lässt lyrischen Schmelz vermissen und wirkt in rezitativischen Passagen schwerfällig.

Am Pult lässt Daniel Barenboim den Gesangsmelodien den Vortritt und breitet den Sängern einen anmutig federnden Teppich aus. Fein gezeichnete melodische Gesten, elastische Rhythmen und kristallklare Transparenz lassen keine Wünsche offen. Quecksilbrige Tonmalereien begleiten den Fischhändler, wenn er seine Ware preist.

Prokofjews durchaus ernstgemeint warmherzige, lyrische Musik sträubt sich jedoch gegen Tcherniakovs ironische Brechung. Dem Besucher tut es in der Seele weh, wenn die empfindsamen Arien gleichsam durch den Kakao gezogen und vom hämischen Gelächter der Opern-Süchtigen unterbrochen werden.
Zudem wirkt die Personenregie viel zu statisch angesichts einer so lebhaft gebärdenreichen Musik. Tcherniakov zieht die Sache mit der Gesprächsgruppe eisern durch: Man sitzt und redet; zwischendurch steht man und redet. Ein dreieinhalbstündiger Opernabend kann da ziemlich lang werden.
Schließlich fesseln die Patienten ihren Moderator an den Stuhl und behängen ihn mit Wimpeln für „beste Mitarbeit“. Doch solche finalen Albernheiten können die Inszenierung auch nicht mehr retten. Am Ende zieht die prächtig kostümierte Karnevalsparade ein, die dann aber auch stehen bleibt. Der Schlusschor zeigt ein instagram-taugliches Tableau.
Darsteller und Musiker erhalten viel Applaus. Die Regie hingegen polarisiert das Premierenpublikum. Als Tcherniakov die Bühne betritt, mischen sich heftige Buhrufe in den Beifall.

Die nächsten Vorstellungen finden am 17. und 22. April statt, jeweils 19:30 Uhr. Eine Wiederaufnahme erfolgt im Dezember.

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