Prokofjews Der feurige Engel in Rom

Russland und Sizilien

Die Oper Rom zeigt Prokofjews „Der feurige Engel“ in einer szenisch und musikalisch beeindruckenden Neuinszenierung

Von Thomas Migge

(Rom, Ende Mai 2019) Im Jahr 1919 begann Sergej Prokofjew ein Werk über eine Frau zu schreiben, die beschuldigt wird, vom Teufel besessen zu sein: sie beschreibt ihn als einen Engel des Feuers. Das Thema stammt aus einem symbolistischen Roman von Valerij Brjusov. Die Komposition wird erst im Jahr 1925 fertig, doch eine Aufführung des komplexen und in seiner Thematik in der damaligen UdSSR undenkbaren Werkes erlebte der Komponist nicht mehr. Erst posthum, zwei Jahre nach seinem Tod, kommt „Der feurige Engel“ 1955 bei der Musik-Biennale in Venedig auf die Bühne.
In Rom wurde die Oper seit 1966 nicht mehr aufgeführt. Es ist Intendant Carlo Fuortes zu verdanken, dass er in jeder Saison mindestens ein klassisches Meisterwerk des 20. Jh. als Neuinszenierung auf die Bühne bringt, gegen die Proteste der ewig gestrigen Verteidiger des italienischen Belcantos.

„Der feurige Engel“ ist sicherlich ein Hauptwerk des Prokofjewschen Musiktheaters und eine der faszinierendsten Opern des letzten Jahrhunderts. Ein zutiefst russisches Werk, auch wenn die Handlung im Renaissance-Deutschland spielt. Zu den Figuren gehören unter anderen Faust und Mephistopheles. Es gibt verschiedene Anspielungen auf Johann Wolfgang Goethe, zum Beispiel die Szene in der Taverne.
Eine Frau, Renata, hatte als Kind die Vision eines schönen Engels, Madiel, in den sie sich schließlich abgrundtief verliebte. Mit 16 Jahren bittet sie ihn, sich mit ihr zu verbünden. Doch der Engel verflucht sie, wird zu einer Feuersäule, die ihr Haar und ihren Rücken verbrennt, und verschwindet schließlich. Renata glaubt in dem Adligen Heinrich eine Verkörperung Madiels zu erkennen und bitte Ruprecht, der sich in sie verliebt hat, Heinrich zu töten, um sich dafür zu rächen, dass sie von dem Engel verschmäht wurde. Ruprecht wird in einem Duell mit Heinrich schwer verletzt und Renata geht ins Kloster. Doch dort halten die anderen Nonnen sie für vom Teufel besessen. In der musikalisch sehr stürmischen Schlussszene verurteilt ein Inquisitor Renata zu Folter und Tod.

Dirigent Alejo Pérez, ein Fachmann für die Oper der klassischen Moderne, gelingt es die obsessiven Dissonanzen und Rhythmen der sehr symphonisch gehaltenen Partitur deutlich und vor allem kraftvoll herauszuarbeiten. Das tut er mit einem Elan, dass dem Zuhörer manches Mal der Atem wegbleibt. Nur so wird das Halluzinatorische und Visionäre von Prokofjews Komposition in seiner ganzen Dimension wiedergegeben. Nicht selten erinnert die Partitur in ihrer musikalischen Ausdrucksstärke an Prokofjews Zeitgenossen Schostakowitsch.

Regisseurin Emma Dante, Italiens unbestritten faszinierendste Tanz-Theater-und-Performance-Meisterin, verknüpft in Regie und Bühnenbild (von Carmine Maringola) das Mystisch-Rätselhafte der sizilianischen Kultur mit der gar nicht mal so verschiedenartigen russischen Kultur: Engel, Teufel, Mystik, Aber- und Irrglauben finden sich bis heute in beiden Kulturkreisen. Deshalb gelingt Dante der gewagte sizilianisch-russische Spagat meisterhaft. Das typisch Russische des schwer auf der Seele lastenden Klimas von Tod, Beschwörungen und Geistern, wird so auch für Nichtkenner der russischen Kultur verständlich. Emma Dante setzt dem hellen Feuerengel ein schwarzes Pendant gegenüber. Das eine nicht ohne das andere, der Himmel nicht ohne die Hölle, das Gute nicht ohne das Böse: Das ist das in all ihren Regiearbeiten sich wiederholende Credo der Sizilianerin.

Die fast durchgängig russischsprachige Besetzung hätte besser nicht sein können. Renata wurde von der stimmlich kraftvollen und glaubhaft ins Hysterische abgleitenden Ewa Vesin gesungen. Der Brite Leigh Melrose ist ein überzeugender lyrischer Bariton, der sich hilflos in die Besessene verliebt und irrational handelt. Maxim Paster als Mephistopheles ist ergreifend schrecklich und verführerisch zugleich.
Ein voller Erfolg für das Opernhaus Rom, das bei sämtlichen Aufführungen dieses für ein italienisches Publikum selten zu hörenden Werkes ausverkauft war.

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