Programm Salzburger Festspiele

Neue Handschrift: Musik bei den Salzburger Festspiele 2017

Der neue Intendant der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser stellte sein erstes Programm in Salzburg vor
(Salzburg, 12. November 2016) Jetzt ist es also ganz offiziell und nicht nur Gerücht, das Programm der Salzburger Festspiele 2017. Die offenbar als besonders wichtig betrachtete neue Besetzung des "Jedermann" wurde schon vor einigen Tagen bekanntgegeben. Sie kann also, da sie auch nicht unmittelbar das Musikalische betrifft, als kommuniziert gelten, zumal das Programm auch noch von Wien über Moskau bis Peking und Seoul und in anderen asiatischen Metropolen präsentiert werden wird. Die Reiseroute ist durch die Wege der internationalen Kaufkraft vorgegeben – sie umfasst Städte von München, London, Zürich, Moskau bis Shanghai.
Aber da das Feld der internationalen Hochkultur immer noch vom Abendland dominiert wird, hat sich am europäischen Programmschwerpunkt der Festspiele nichts geändert. Doch wer weiß, vielleicht halten irgendwann einmal doch noch die Peking-Oper oder das javanische Theater Einzug in Salzburg. Ähnliches soll es ja vor hundert Jahren in europäischen Städten schon einmal gegeben haben, mit dem kleinen Unterschied, dass das große Geld damals noch im Okzident gehortet und der Orient nur der Lieferant von "exotischer" Kultur war.
In der jetzigen Präsentation waren die Schockwellen der amerikanischen Präsidentenwahl als Hintergrundstimmung zu spüren, programmatisch stehen im kommenden Sommer jedoch andere Unbilden im Vordergrund, die "großen Fragen des Seins und der Allmacht des Todes". Die sind nicht nur im Nahen Osten präsent, aber so lange der IS nicht vor dem Festspielhaus aufmarschiert, tun wir uns noch leicht damit, kühlen Kopf zu bewahren und auf jene kulturellen Güter zu verweisen, die trotz aller blutigen Kriege im Inneren wie nach außen Europa in den letzten Jahrhunderten zu einem kulturell hoch entwickelten und noch immer entwicklungsfähigen Kontinent gemacht haben.
Nicht zuletzt von diesem Horizont her kommt es her, dass der Tod in der europäischen Musik von Monteverdi bis Schostakowitsch und  Gérard Grisey so allgegenwärtig war und 2007 in den Inszenierungen von "Aida"  – Shirin Neshat, die iranische Filmemacherin und Videokünstlerin, führt zum ersten Mal in einer Oper Regie – und "Wozzeck" (Regie: William Kentridge, Dirigenz Vladimir Jurowski) präsent sein wird.
Die Neuinszenierung der"Aida" wird von Riccardo Muti dirigiert, der eigentlich an Europas Bühnen nicht mehr als Dirigent antreten wollte. Anna Netrebko gibt ihr Rollendebüt als Aida. Um tödliche "Strategien der Macht" wird es aber auch schon in der Eröffnungsvorstellung in der Felsenreitschule  in Mozarts, "La clemenza di Tito", gehen (Regie: Peter Sellars; Teodor Currentzis leitet das Orchester MusicaAeterna und den gleichnamigen Chor). Eine kleine Sensation ist auch für Schostakowitsch´ "Lady Macbeth von Mzensk", angekündigt, in der Ferruccio Furlanetto den alten Ismailow und Nina Stemme die Titelrolle singen werden. Erstmals wird Mariss Jansons in Salzburg eine Oper dirigieren. Regie führt Andreas Kriegenburg. Auch Aribert Reimanns "Lear" (Regie: Simon Stone, Dirigent: Franz Welser-Möst) gehört in diese Kategorie.
Insgesamt wird es 2017 40 Opernvorstellungen geben (fünf Neuinszenierungen, drei halbszenische und zwei konzertante Aufführungen, eine Wiederaufnahme ("Ariodante" als Übernahme von den Pfingstfestspielen mit Cecilia Bartoli in der Titelrolle).
Die drei halbszenischen Aufführungen sind den Opern Claudio Monteverdis gewidmet; die zwei konzertanten Opern sind Verdis "I due Foscari" (zwei Aufführungen mit Plácido Domingo in der Rolle des Francesco Foscari) und Gaetano Donizettis "Lucrezia Borgia" mit Krassimira Stoyanova und Joan Diego Flórez in den beiden Hauptrollen.   
Insgesamt 79 Konzerte sind vorgesehen, von Sonaten- und Liederabenden bis zu Konzerten der Wiener Philharmoniker. Die "Ouverture spirituelle" wird 2017 mit einem Paukenschlag, dem groß  besetzten Oratorium "La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus" von Olivier Messiaen (Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Kent Nagano), eröffnet. Requien gibt es von Johannes Ockeghem bis zu György Ligetis "Lux Aeterna", dazu ein bei den Salzburger Festspielen noch nie aufgeführtes "Stabat mater" von Franz Schubert. Auch das letzte Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch darf mit gutem Grund zu diesem Kontext  gezählt werden.
"Zeit mit Schostakowitsch" lautet ein anderer Programmteil, der in vielfacher Weise auf den großen sowjetischen Musiker Bezug nimmt und einen Zusammenhang zu "Lady Macbeth"herstellt. Zeit mit Schostakowitsch" – das schließt auch mit ein, dass die letzte, die 15., Symphonie auch in einer Fassung für Klaviertrio und drei Schlagzeuger zu hören sein wird.
Der spartenübergreifenden Bezüge gibt es – wie immer, wenn Markus Hinterhäuser seine Hand im Spiel hat – viele. Musikprogramme lassen ans Schauspiel denken (das 2017 unter neuer Leitung stehen wird). Die bildende Kunst ist auf den Bühnen – wie früher einmal unter Gerard Mortier – präsent. Eine mögliche allgemein-politische Bezugnahme fehlt bzw. ist nur implizit bei Schostakowitsch angedeutet: Das Jahr 1917 ist ja seit dem Ende des Kommunismus historisch betrachtet weit weg gerückt, zur Vergangenheit geworden. Das muss nicht in Salzburg auf der Bühne sein, zumal die Oktoberrevolution gewiss in anderen Zusammenhängen irgendwo in der Welt vorkommen wird. (Und immerhin haben ja auch die Gründer der Salzburger Festspiele dieses damals wirklich erschreckende welthistorische Ereignis gründlich ignoriert. Sie waren mit dem Untergang der Donaumonarchie beschäftigt, der uns heute ebenso entfernt erscheint wie das Russland des Jahres 1917.
Derek Weber



Münchner Philharmoniker


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