Porträt Serge Dorny

Porträt Serge Dorny: Oper und Rap

Serge Dorny Foto: Matthias Creutziger

Serge Dorny heißt der neue Intendant der Semperoper in Dresden. Am Dienstag (17.09.2013) hat der amtierende Intendant der Opéra National de Lyon seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt. Damit steht der gebürtige Belgier ab September 2014 zumindest für fünf Jahre an der Spitze einer der prestigeträchtigsten deutschen Kulturinstitutionen. Ab sofort wird er sich auf die kommenden Spielzeiten vorbereiten. Denn die Herausforderungen eines Repertoire-Hauses wie der Semperoper sind anderer Art als die seiner Staggione-Oper in Lyon. Dennoch hat er als Lyoner Opernintendant deutliche Zeichen gesetzt, die in die Zukunft weisen könnten.
Porträt von Sabine Weber

(19. September 2013) „Was man der Vergangenheit nimmt, muss man der Zukunft geben“. Das ist eine der Leitlinien des Opernintendanten Serge Dorny. Eine Überzeugung, die nur wenige Opernintendanten heutzutage noch teilen. In Lyon hat er in den 10 Jahren seiner Intendanz jedenfalls dafür gesorgt, dass die Neue Musik einen hohen Stellenwert bekommen hat. Unter anderem deshalb hat Frankreichs zweitgrößtes Opernhaus die große Schwester in Paris längst überholt: John Adams „The Death of Klinghoffer“, Pascal Dusapins „The fall of the last night“ sind in der Lyoner Oper uraufgeführt worden. „Emilie“ von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho hat Dorny für Lyon bestellt, ebenso wie „Lady Sarashina“ bei Peter Eötvös oder „After life“ von Michael van der Aa.
Aber nicht nur mit arrivierten Avantgarde-Komponisten ließ er hier die Neue Musik punkten. Dorny hat immer auch unbekannten Komponisten ein Experimentierfeld geboten. Der Mikrotonal orientierte und mit abstrakten Klängen arbeitende Jêrome Combier hat letztes Jahr hier sein erstes Musiktheaterstück ausprobieren dürfen. Der Franzose hatte sich in der Avantgarde-Szene bislang nur mit Instrumentalmusik bemerkbar gemacht. Im Théâtre de La Croix-Rousse, der Experimentierbühne der Opéra de Lyon, hat er das Libretto eines afghanischen Autors über den Krieg im Land vertont. Dieses Jahr hat er den französischen Ex-Justizminister Robert Badinter als Opernlibrettisten gewinnen können. Der Mann, der sein Leben der Abschaffung der Todestrafe in Frankreich gewidmet hat und 1981 auch durchsetzen konnte, dass die Guillotine endlich in der Asservatenkammer verschwand, hat sein Lebensthema in Lyon auf die Bühne bringen dürfen. Und weil Francois Mitterands Mann für die nationale Gerechtigkeit auch die Strafbarkeit von Homosexualität abgeschafft hat, gab es bei der Premiere der Oper „Claude“ von Olivier Py vor den Toren der Lyoner Oper einen Aufmarsch gegen die im Parlament gerade beschlossene Homo-Ehe (siehe auch Besprechung auf KlassikInfo).
In Lyon ist zu erleben, wie tagesaktuell Oper sein kann. Und das ist das Verdienst eines umtriebigen Intendanten. „Ich bin doch kein Türhüter von einem Mausoleum, und ich glaube an die Zukunft und an die Notwendigkeit von Oper“, so Serge Dorny. Wenn die Oper eine Zukunft haben will, muss sie sich auch mit aktuellen Themen auseinandersetzen, es zumindest wagen. Aber auch das große Repertoire ist in Dornys Staggione-Betrieb nie zu kurz gekommen. Lyon hat ein hervorragendes ständiges Orchester. Nur die Sängerensembles, Regisseure werden für jede Produktion neu eingekauft. Manchmal auch Gastdirigenten. Dorny hat beim Casting immer einen guten Riecher. Der in Berlin inszenierende Ivo van Hofe hat für Verdis „Macbeth“ in diesem Jahr spektakuläre Bilder gefunden (siehe auch Besprechung auf KlassikInfo).
Filmemacher François Girard hat Klingsors Lusthöle in ein waberndes Höhlenmonument verwandelt (siehe auch Besprechung auf KlassikInfo). Im Oktober gibt der Schriftsteller und Filmemacher Christophe Honoré sein Opernregiedebüt in Francis Poulencs „Dialogue des Carmélites“. Beethovens „Fidelio“ als SciFi inszeniert? Das war ein Experiment des diesjährigen Lyoner Osterfestivals, das auf Abwege führte. Aber das thematisch fokussierte Festival, das Serge Dorny in Lyon eingeführt hat, war trotzdem ein Erfolg! Schönbergs „Erwartung“ und „Il Prigionniero“ von Dallapiccola wurden von Fura Dels Baus großartig umgesetzt (siehe KlassikInfo).
Die Lyoner haben sich von Serge Dornys Angeboten überzeugen lassen. Die Auslastung der Oper liegt bei 97 %. Und wer in das von Jean Nouvel in den 1980ern spektakulär modernisierte Opernhaus gelangen will, muss sich erst einmal durch eine Horde jugendlicher Rapper durcharbeiten, die das Entree des Theaters zu ihrer Bühne gemacht haben. Dorny gewährt ihnen unter den Säulenarkaden Asyl. Wer jeden Tag vor den Toren rappt, wird eines Tages die Schwelle übertreten… Die Öffnung der Oper in die Stadt hinein und zwar für alle Schichten, ist Dorny ein Anliegen. Immerhin: 52 % des Publikums sind – laut Umfragen – hier jünger als 45 Jahre. Wenn Dorny über sein Opernhaus,spricht, wahlweise französisch, flämisch oder deutsch, dann dringt ihm die Begeisterung durch alle Poren. Und Humor packt der 51jährige gebürtige Flame auch ganz schnell mal aus.
Geboren wurde er in Wevelgem in Westflandern, einer kleinen Grenzstadt zu Frankreich, wo es nichts gibt, außer dem ersten belgischen Fahrradwettkampf, so Dorny. Gefragt, was ihn nach Frankreich gezogen hat, antwortet er, dass sein Vorgarten ja Frankreich gewesen sei. Über Grenzen hinweg zu leben hat er gelernt. Eine Normalität, mit der er aufgewachsen ist. Wenn ein Belgier sich 50 Kilometer nord-süd-östlich bewegt, sei er schon woanders.
Vielleicht rührt daher Dornys geistige Beweglichkeit und seine Offenheit. Kultur, Musik kennen ja auch keine Grenzen. Ihm mache es außerdem Spaß, andere Kulturen zu entdecken. Die Liebe zur Musik habe ihm übrigens sein Großonkel vermittelt, der ihn auch für die Kunst begeistert hat. In den Sommerferien habe er ihn immer besucht und mit ihm zusammen Musik gemacht. Dann sei er auf Menschen getroffen, die ihn musikalisch weitergebracht hätten. Musiker, Lehrer und dann Gerard Mortier, von dem er die Besessenheit für die Musik überkommen habe. In den 1980ern wird Dorny Mortiers Assistent an der La Monnaie Oper in Brüssel, einem der damals führenden Opernhäuser Europas. Dann wird er selbst Intendant beim London Philharmonic Orchestra. Weil dieses Orchester jeden Sommer in Glyndebourne spielt, ist er vier Monate des Jahres dort. Und hat viel mit Oper zu tun. Dann wechselt er nach Lyon, wo wieder alles ganz anders ist. Und bald Dresden. Was er in Lyon gemacht hat, lässt sich nicht unbedingt auf andere Opernhäuser übertragen. An anderen Opernhäusern existieren andere Realitäten.
Globalkultur in den Opernhäusern wäre auch das letzte, was Dorny sich wünschen würde. Sicher ist, dass sich Serge Dorny auch hier seine Gretchenfrage ernsthaft stellt. Die, die man sich als Intendant eigentlich immer stellen muss: Was machen wir, warum machen wir es und für wen machen wir es?


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