Porträt Philippe Jaroussky

Die berührendsten Momente sind nicht erklärbar

Der Shooting-Star unter den derzeitigen Countertenören ist zweifellos der Franzose Philippe Jaroussky – Julia Schölzel hat ihn an seinem Wohnort in Paris besucht
Mit 30 Jahren den Echo Klassik überreicht zu bekommen, das ist für viele Musiker ein Traum. Für den französischen Countertenor Philippe Jaroussky ist dieser Traum im Jahr 2008 wahr geworden. Seinen internationalen Durchbruch feierte der junge Sänger 2005, als er für seinen Stimmkollegen Andreas Scholl einsprang. Inzwischen veröffentlicht Jaroussky ein bis zwei Solo-CDs pro Jahr, und fördert zunehmend unbekannteres Repertoire zu Tage: ob ein swingender Monteverdi, elegische Chansons der Belle Epoque oder wie jetzt aktuell das Arienalbum "La dolce fiamma" des jüngsten Bachsprößlings Johann Christian Bach, geschickt weiß Jaroussky Publikum wie Experten mit seiner Auswahl zu überraschen. Mit Opernarien des Londoner Bachs und von Händel tourt Jaroussky in diesen Wochen durch Deutschland.
Rauschhaft und schillernd, einem Schmetterling gleich schwebt Philippe Jaroussky und wie im Rausch kann man der stets wohltemperierten Klarheit, ja der fast unschuldigen Reinheit, eigentlich Attribute für eine Engelsstimme, des jugendlichen Countertenor erliegen. In die hohen Regionen des Mezzosoprans schraubt sich Jaroussky mühelos hinauf, mit seiltänzerischem Balancegefühle vollbringt er dort oben musikalische Drahtseilakte zwischen koketten Koloraturen und beseelter Zartheit, scheinbar ohne Abgründe zu kennen. Jaroussky – ein gewesener Wunderknabe auf zielsicherem Erfolgskurs?  Ganz so war es nicht, erzählt der Sänger. "Seit zwölf Jahren arbeite ich mit meiner Lehrerin Nicole Fallien zusammen, und ganz am Anfang war sie eher zögerlich, ich war ja sehr sehr jung, 18 Jahre, und als ich sie zum ersten Mal besuchte, ich hatte nicht viel Stimme, zwar eine sehr schnelle Auffassungsgabe, aber in der ersten Stunde war sie sich nicht sicher, ob Singen überhaupt das Richtige für mich sei. Doch ich antwortete ihr: Aber ich bin mir sicher!"
Zuhause ist Philippe Jaroussky in der schmalen Rue des deux fontaines, ein Stück klassisches Pariser Marais, ein kleines Stadtpalais aus dem 18. Jh. Den mit Stuck verzierten und im satten Grün gestrichenen Salon zieren Alltagsutensilien eines Anfang 30-Jährigen: Kaffeetassen und Flipflops auf dem Parkett, ein Partiturenstapel auf dem Sofa, daneben das aktuelle Master der neuesten CD zum Abhören. Leben und Arbeiten eines jungen Parisers. Gerade kam sein achtes Soloalbum heraus, gewidmet dem jüngsten Bachsohn Johann Christian. Jarousskys Anfänge lagen – natürlich – im barocken Kernrepertoire seines Stimmfachs, virtuose Kastratenarien von Vivaldi, Hasse, Scarlatti, und in der opulenten, extrovertierten Pracht des Barock fühlt sich der schlanke Jaroussky zu Hause. "Ich liebe die Mentalität des Barock, sie war voller Ironie, Anspielungen, Feinheiten, und nicht nur in der  Musik, es gab eine Freiheit, eine unglaubliche Freiheit, denke ich."
Nach etlichen Operneinspielungen mit namhaften Kollegen wie Sandrine Piau, Véronique Gens und Mark Padmore unter den Dirigenten Jean-Christoph Spinosi und Emmanuelle Haim unternahm Jaroussky seine ersten Soloauftritte mit kraftvollen Arien von Antonio Vivaldi. Bis er sich an Händel herantraute, brauchte es etwas Mut, ihm schien seine leichtere Stimme der vollen Orchestrierung von Händel nicht gewachsen zu sein. Doch dann landete Jaroussky 2006 einen kleinen Coup im Virtuosenkarussel heutiger Countertenöre: Er porträtierte den cantableren Gegenspieler des Glitzer- und Glamourkastraten Farinelli. Wurde Carestinis Stimme aufgrund ihrer klaren und beseelten Schönheit einst gelobt, mochte sich der junge Jaroussky mit diesen fremden Federn gerne schmücken – und der alte Putz stand ihm wie maßgeschneidert: Carestini, ein Kollege, den Jaroussky bis heute unbedingt treffen möchte. "Weil er eine ideale Stimme hatte, ich stelle es mir so vor, eine unglaubliche Präsenz, die Stimme, die direkt berührt. Ich bin nicht sehr extravagant in meinem Leben, das würde ich gerne sein. Die Kastraten waren ja auch Abenteurer damals, mit ihren Reisen, diese Vorstellung fasziniert mich."
Mit Anfang 30 kann sich Philippe Jaroussky seine musikalischen Projekte nahezu aussuchen. Der junge Künstler, der so integer und bescheiden wirkt, ist enorm gefragt. Er hat europaweit sein Publikum gefunden, welches sich auf seine zärtlichen Pianissimi und den tänzerischen Furor hingebungsvoll einlässt. Jaroussky beschreibt in gewisser Weise den barocken Antihelden und wenn er seine Hörer um den Verstand bringen will, gehören für ihn viel Besonnenheit und Magie dazu: "Es ist wirklich ein Gleichgewicht, das nicht leicht ist: wenn Sie die Leute wirklich berühren wollen, muß man oft selbst das Gegenteil tun. Zum Beispiel, wenn ich meine, in einem Konzert ganz viel emotional gegeben zu haben, dann überträgt sich das nicht. Andererseits gibt es Momente, da habe ich den Eindruck, das Konzert gleitet mir davon, ich stehe außen vor, aber die Leute sagen mir danach, das waren die schönsten Momente. Man muß sich als Interpret also eingestehen, daß die berührendesten Augenblicke nicht kontrollierbar und zu erklären sind."  
Einen musikalisch unkalkulierbaren Jaroussky kitzelte die unkonventionelle Österreicherin Christina Pluhar gemeinsam mit ihrem Ensemble L’arpeggiata in der CD-Produktion Teatro d’Amore Ende 2008 heraus. Über einen Walking Bass gurrte und surrte und vor allem improvisierte Jaroussky eine Monteverdiarie: Puristen mochten aufschreien, die meisten Kritiker reagierten angesichts dieser famosen Leggerezza begeistert:  
Der Countertenor Jaroussky ein stimmliches Chamäleon, der mit seiner musikalischen Umgebung verschmilzt? Unbedingt. Es scheint fast so, als würde Jaroussky die Intentionen seiner Mitmusiker intuitiv aufsaugen, um sie dann mit seinen stimmlichen Mitteln umzusetzen. Je wandelbarer sich der Sänger zeigt, desto mehr bleibt er bei sich. Und bei seiner Stimme, die gerade in lyrischen Weiten und elegischen Passagen ihre poetische Innigkeit und warme Ausstrahlung entfalten kann. Das zeigte Jaroussky auch auf seiner vorletzten Solo-CD mit französischen Chansons der Belle Epoque, ein Repertoire, welches zum ersten Mal von einem Countertenor aufgegriffen wurde. Und ebenso mit seiner gerade aktuellen Veröffentlichung unbekannter Arien von Johann Christian Bach weiß Jaroussky genau, in welchem Teich er angeln muß, um in der profitorientierten Klassikbranche einen großen Fang zu machen. Eine begnadete Stimme zu haben reicht für die Dauer einer Sängerkarriere allein nicht aus. Doch ist der erfolggewöhnte Jaroussky mit seinen 31 Jahren anscheinend umsichtig genug, die Mechanismen des Marktes realistisch einzuschätzen und das Singen nicht dem Diktat der Agenturen und Plattenlabels zu unterwerfen, sondern es als inneres Brennen lebendig zu halten. Eben: La dolca fiamma. "Ich hatte viel Glück, die Dinge haben sich leicht entwickelt, und ich glaube ein Sänger mit 30 Jahren ist in seinen glücklichen Jahren. Man versteht, wie man singen muß, man hat die körperliche Reife und die künstlerische Erfahrung. Was mir etwas Angst macht, ist, dass ich oft schon drei, vier oder fünf Jahre vorausplanen muß, da muß ich als Künstler wirklich überlegen, was will ich eigentlich machen."
Julia Schölzel

 

 


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