Portrait Barenboim-Said-Akademie

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Musik und Philosophie

Im Jahr 2012 wurde die Barenboim-Said-Akademie gegründet, die Studenten und Studentinnen aus dem Orient und Okzident den interkulturellen Austausch ermöglicht. Mit dem Pierre-Boulez-Saal hat man dort nun auch einen außergewöhnlichen Raum zum Musizieren und Musikerleben zur Verfügung. Ein Besuch.

Von Georg Rudiger

(Sommer 2017) Ein Stimmengewirr aus Hebräisch, Arabisch und Englisch breitet sich im Foyer des Pierre-Boulez-Saals aus. Als Mittagstisch bietet die Cafeteria für sieben Euro Hummus oder Schawarma an, ein arabisches Fleischgericht aus dem Nahen Osten. An den kleinen Tischen sitzen junge Studenten aus Israel, Jordanien und Syrien. Auch Daniel Barenboim nutzt eine kurze Pause, um hier eine Kleinigkeit zu essen. Der Gründer und Präsident der Barenboim-Said-Akademie, einer besonderen Musikhochschule an der Französischen Straße in Berlin Mitte, muss am Abend wieder am Dirigentenpult stehen. Das letzte Konzert des Schubertzyklus mit der Staatskapelle Berlin steht an.

„Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“, ist auf einem Ausstellungsplakat im Treppenhaus zu lesen. Der Satz ist Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ aus dem Jahr 1819 entnommen, scheint aber knapp zweihundert Jahre später alles andere als selbstverständlich zu sein. Bereits mit dem West-Eastern-Divan-Orchestra, das Daniel Barenboim mit dem aus Palästina stammenden Schriftsteller und Freund Edward Said 1999 in Weimar gründete, ist eine Vision Wirklichkeit geworden. Junge Israelis spielen in diesem Spitzenorchester jeden Sommer mit Kollegen aus den arabischen Nachbarstaaten zusammen. Über die Musik lernen sie sich kennen und respektieren. Die gemeinsame musikalische Sache steht über dem arabisch-israelischen Konflikt, der sich allerdings nicht wegmusizieren lässt.

Fassade der Barenboim-Said-Akademie © Volker Kreidler

Die vom Bund finanzierte, 2012 gegründete Barenboim-Said-Akademie, die seit 2016 den vollen Lehrbetrieb aufgenommen hat, sorgt nun das ganze Jahr über für einen interkulturellen Austausch. Die inzwischen 37 Studenten (bis 2018/19 sollen es rund 90 sein) mussten bei ihrer Bewerbung nicht nur ihre musikalische Begabung unter Beweis stellen, sondern auch Essays über humanistische Themen schreiben. Geisteswissenschaftliche Studien nehmen rund dreißig Prozent des Stundenplans ein. Für die Israelin Miri Saadon macht gerade das den besonderen Reiz der Akademie aus: „Ich habe mich immer schon für Philosophie interessiert, aber in diesem Kurs wurden uns Philosophen und Denkweisen auf eine Art nahegebracht, durch die man sich sofort als Teil davon empfindet, ob man mit den Ideen einverstanden ist oder nicht. Das hilft uns dabei, in jeder Situation über den Horizont hinauszublicken – das ist auch letztendlich wichtig für die Vorbereitung eines neuen Musikstücks.“ Die Atmosphäre empfindet die Klarinettistin als „sehr gut und lebendig. Wir verbringen die meiste Zeit des Tages zusammen mit dem Studium, mit Kammermusik und dem Hören von Konzerten im Pierre-Boulez-Saal“.

Pierre-Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie © Volker Kreidler

Auch der israelische, in Nazareth geborene Palästinenser Yamen Saadi hat hier gelernt, „auf andere zu hören und ihre Sichtweise zu verstehen. Das ist sehr wichtig für ein Gespräch – und auch für die Musik.“ Dass er als Araber zusammen mit Israelis studiere, sei inzwischen auch für das Umfeld des Violinstudenten normal: „Meine Familie und meine Freunde unterstützen mein Studium, seit sie verstanden haben, wie viel ich von dieser ausgezeichneten musikalischen und allgemeinen Ausbildung profitiere.“

In der Testphase startete die Akademie ausschließlich mit Studentinnen und Studenten aus dem Nahen Osten. Seit 2016 sind auch einige Akademisten aus Europa und den USA dabei. Man brauche in der Akademie auch eine realistische Perspektive von unserer Welt, sagt der britische, ägyptischstämmige Dekan Mena Mark Hanna beim Gespräch in seinem Büro. Gemeinsam mit seiner israelischen Kollegin Roni Mann, die die geisteswissenschaftliche Abteilung leitet, möchte der promovierte Musikwissenschaftler den Dialog fördern. „Wir haben hier gerade ein sehr gutes Streichquartett, deren Mitglieder aus Israel, Palästina, dem Iran und den Niederlanden kommen. Die Ensembles bilden sich übrigens selbst – wir stellen sie nicht zusammen.“

Mit dem im gleichen Gebäude untergebrachten, von Frank Gehry entworfenen Pierre-Boulez-Saal (rund 700 Plätze), haben die Studenten seit Beginn des Jahres auch einen akustisch und architektonisch außergewöhnlichen Raum zur Verfügung, in dem sie selbst musizieren können, aber auch spannende Konzerte erleben. Eines davon ist die Klarinettennacht ihres Dozenten Jörg Widmann. Gemeinsam mit seinem syrischen Kollegen Kinan Azmeh und neun weiteren Klarinettisten hat Widmann ein exquisites Programm zusammengestellt, das von der Solobesetzung bei Elliot Carters „Gra“ (Jussef Eisa) bis zu Steve Reichs ekstatisch fließendem „New York Counterpoint“ für elf Klarinetten reicht.

Für jedes Stück stellen sich die Musiker neu auf. Es gibt kein Vorne und kein Hinten auf der Bühne des warm und transparent klingenden, ovalen Saals, der durch seine geschwungene Empore zu schweben scheint. Man kann die Musik hier nicht nur klar und ausgewogen hören, sondern auch sehen. Kein Sitzplatz ist mehr als vierzehn Meter von der Bühne entfernt. „Die Variabilität des Raumes ist faszinierend“, schwärmt Jörg Widmann. „Solch einen Ort der Kreativität, für den Programme regelrecht komponiert werden können, hat sich Pierre Boulez immer gewünscht.“ Als Kompositionsprofessor unterrichtet Widmann an der Barenboim-Said-Akademie die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Und ist begeistert von der Neugierde und Offenheit der Studenten.

Auch Ole Baekhoj, Intendant des Pierre-Boulez-Saals, verspürt Aufbruchstimmung. „Wir möchten uns hier in den Konzerten auch gedanklich mit Ideen auseinandersetzen und größere geistesgeschichtliche Zusammenhänge aufzeigen. Wir bieten dazu Seminare und Lectures an. Zusammengefasst könnte man sagen: Wir machen Musik für das denkende Ohr.“

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