Porträt-Konzerte für Beat Furrer in München

porträt beat furrer

Enigmatisches

Beat Furrer mit zwei Konzerten im Porträt bei der musica viva in München

Von Klaus Kalchschmid

(München, 8. und 9. März 2019) Auch wenn die musica viva in letzter Zeit mehrfach einen Komponisten in den Mittelpunkt eines Abends oder gar Wochenendes stellte, wie Gérard Grisey und Georges Aperghis oder zuletzt Peter Ruzicka, so war das Komponisten-Porträt Beat Furrer mit Oper und Konzert, Kammermusik in unterschiedlicher Besetzung und einem großen, mehrteiligen Werk für Chor a cappella etwas Besonderes. Zum zweiten Mal – nach der Verleihung des Siemens-Musikpreises an ihn im letzten Jahr im Prinzregententheater – wurde der anwesende Komponist in München herzlich gefeiert.

Weil ein Werk für Orchester, das die musica viva in Auftrag gegeben hatte, nicht rechtzeitig fertig wurde, kam das Publikum im Herkulessaal in den Genuss einer halbstündigen „Konzertfassung“ des Prologs und zweier „Schnee-Szenen“ aus Beat Furrers erst im Januar an der Berliner Lindenoper uraufgeführter Oper „Violetter Schnee“ (siehe Besprechung auf KlassikInfo) auf einen Text von Händl Klaus nach einer Vorlage von Vladimir Sorokin. Sie beginnt mit einem faszinierenden, dreiteiligen, hochkomplexen, immer spannungsvollen 17-minütigen Prolog für Orchester, der alle Register zieht und am Höhepunkt schließlich plötzlich abbricht.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Peter Rundel spielte das mit allen Schattierungen zwischen Hell und Dunkel, Geräusch und orchestraler Attacke, aber auch mit viel Sinn für die Glasuren und gleißenden Verschiebungen des Klangs. Irritierender und seltsam isoliert wirkten dagegen zwei „Traumvisionen“ aus der Oper, eine Arie Silvias (Yeree Suh) und ein Duett Silvia/Natascha (Sophia Burgos), beides durchsetzt mit im lateinischen Original vorgebrachen Silben aus „De rerum natura“ von Lukrez.

Das aufregendste Werk des ersten Abends, bei dem auch das Klavierkonzert von 2007 mit Nicolas Hodges als Solist auf dem Programm stand, waren die sieben Stücke für Chor a cappella unter dem Titel „Enigma“ auf Texte von Leonardo da Vinci aus seinen „Profezie – Prophezeiungen“ in Erstaufführung des Gesamtzyklus. Der Chor des Bayerischen Rundfunks widmete sich unter Leitung von Rupert Huber mit Hingabe und höchster Konzentration diesen eigentümlich in die Zukunft weisenden, hochpoetisch-philosophischen Texten in vielfältigen Vertonungen von Beat Furrer, die von tonalen Modulen und Flüstern bis zur doppelchörigen Auffächerung reichte.

Ein bisschen passte der Titel „Enigma“ tags darauf in der Allerheiligen Hofkirche auch auf die Kammermusik Furrers mit den Mitgliedern des Klangforums Wien, das der Komponist 1985 gegründet hat und das seither eines der wichtigsten Ensembles für zeitgenössische Musik ist. „spur“ für Klavier und Streichquartett aus dem Jahr 1998 flankierten Duos, einmal Bassflöte plus Sopran (Katrien Baerts), einmal Bassflöte plus Kontrabass. Ersteres war ebenfalls ein Opern-Schnipsel, diesmal aus „Invocation“, uraufgeführt 2003 in Zürich und „Invocation VI“ genannt, weil es der sechsten Szene des Werks entspricht.

Neun Minuten lang entsteht da auf einen Text des Mystikers Juan de la Cruz eine suggestive Beschwörung von Jesu als Bräutigam, meist geflüstert jenseits des Singens und Sprechens, aber immer wieder auch expressiv kulminierend in einem Wort: „Amado – Geliebter“!

Bei „Ira-Arca“ für Bassflöte (Eva Furrer) und Kontrabass (Uli Fussenegger) müssen die beiden Interpreten der Uraufführung (2012) in der Dichte der Ineinanderverzahnung der beiden Instrumente höchste Virtuosität beweisen. Am Ende verblüfft eine Finalsequenz, bei der Eva Furrer kurz zur C-Flöte greift und das Geschehen in strahlende Himmelshöhen führt.

Begonnen hatte das Kammerkonzert mit „Kaleidoscopic memories“ für zwei Kontrabässe von 2018. Da war auch das Publikum noch ausgeruht und neugierig, konnte sich den 21 Minuten eines schwer beschreibbaren, aber durchaus eingängigen Vexierspiels mit weit geöffneten Ohren hingeben. Weitaus anstrengender war das Hören in den beiden Stücken für Streichquartett und Klavier bzw. Streichquartett und Klarinette. Letzteres beschloss den Abend und war erschöpfend in mehrfacher Hinsicht: Fast durchweg komponiert im Piano-Bereich mit viel Flageolett, bestehend aus immer wieder fein sich reibenden Klängen und am Ende scheinbar immer höher sich schraubend, bevor die Klarinette endlich sich aus den Fängen der Streicher befreit und lustvoll derb zu tröten beginnt. Aber bevor sie so richtig loslegen kann, ist das Stück – und der höchst anspruchsvolle, anstrengende Abend – zu Ende.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.