Poppea Wien

Opernkritik: L’incoronazione di Poppea

Erotisches Chaos in Roms upper class

Foto: Monika Rittershaus

Claus Guth inszeniert Monteverdis "Poppea" in Wien
Von Derek Weber
(Wien, 14. Oktober 2015) Claus Guth ist ein brillanter Regisseur. Mit Claudio Monteverdis letzter Oper "L’incoronazione di Poppea" rundet er seinen Monteverdi-Zyklus am Theater an der Wien in einer fulminanten Neuproduktion ab. Die Oper dauert lang, aber sie hat in dieser Inszenierung keine Längen. Das ist schon vom Werk her keine Selbstverständlichkeit. Auch Guth trifft nicht immer den sinnlichen Kern der Opern, denen er sich zuwendet. Sein Salzburger "Fidelio" war zu sehr aus dem Kopf geboren, wendete sich – ohne Prosatext allein gelassen – vor allem an den, der das Werk kennt und die Anspielungen darauf zu deuten weiß.
Wie beim "Fidelio" arbeitet der Regisseur auch bei "Poppea" mit Zwischen- bzw. Übergangsmusiken, die Szenenwechsel beschallen bzw. unter- oder übermalen, im Fall der Monteverdi-Oper mit instrumentalen und elektronischen Orgelpunkten und Klängen, wobei – wie man zugeben muss – der realinstrumentale Klangteppich nicht ohne Reiz ist.
Guth holt die Monteverdi-Oper ans 20./21. Jahrhundert heran, indem er die Rahmenhandlung – den Streit zwischen Amor, Tugend und Fortuna um die Frage, wer die Welt im Griff hat – in eine Art Talkshow im Fernsehstudio verlegt. Alles andere – Intrigen um Macht und Liebe am Hof Kaiser Neros – ergibt sich wie von selbst. Daran hat die Selbstverständlichkeit, mit der gesungen wird, keinen geringen Anteil. Drei gute Countertenöre zu finden, ist wahrlich nicht leicht, noch dazu solche, die sich in Charakter und Stimme genügend scharf voneinander unterscheiden. Mit Valer Sabadus ist in Wien ein Nerone aufgeboten, der den verrückten Kaiser glaubhaft  und markig auf die Bühne stellen kann. Dazu treten äußerst witzige Tenor-Männekens in Frauenrollen auf, allen voran José Manuel Zapata  als selbst- und aufstiegsbewußte Poppea-Amme Arnalta. Sabina Puértolas haucht der Sopran-Partie der Drusilla Leben ein und nicht zu vergessen: Und nicht zu vergessen: Alex Penda als verführungs- und stimmstarker Poppea-Sänger, Jennifer Lamore als verstoßene Kaiserin Ottavia und der profunde Bass Franz-Josef Seligs, der den in den Tod getriebenen Philosophen Seneca mit berührendem musikalischen und schauspielerischen Geschmack auszustatten weiß.
Frivol und wild durcheinander gehen in dieser Oper die Intrigen, Mordgelüste und erotischen Überkreuzungen. Die letzte, für Venedig komponierte, Oper Monteverdis ist zugleich die erste, die nicht für einen Fürstenhof, sondern für den gleichsam bürgerlichen, zahlenden Geschmack ihrer Zeit geschrieben wurde. Drum ist sie auch freier, frecher, dramatisch wahrer und – wenn man so will – "mozartischer" als alles, das bis zum Salzburger Wolferl geschrieben wurde.
Claus Guth hat daran ebenso viel Gefallen und Spaß gefunden wie Jean-Christophe Spinosi, der die "Poppea" wippend und schnippend wie ein Musical aus dem 17. Jahrhundert dirigiert. Die Musiker des "Ensemble Matheus" jedenfalls fühlen sich zu einem leichtfüßig-tändelnden, rhythmischen Spiel animiert. Das war barocker Sound vom Feinsten.
Leichter Übermut regiert auch das Bühnenbild (Christian Schmidt) und all das, was sonst noch auf der Bühne herumsteht, bis hin zum Oldtimer-Auto aus den 1930er-Jahren mit dem bedeutungsvollen Nummernschild ROMA 1001, in dem Nerones Leibwächter herumlungern. Am Ende freilich ist der Spaß vorbei. Nerone erschießt Poppea, dann sich selbst. Das hatte Monteverdi nicht vorhergesehen.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.