Poppea Passau

Herrscher und Hure

Mandie de Villiers-Schutte und Albertus Engelbrecht Foto: Peter Litvai

Eine großartige "Poppea" von Monteverdi unter Wolfgang Katschner in der Regie von Kobie van Rensburg in Passau

(Passau, 18. Dezember 2010) Der junge, gutaussehende, verheiratete Herrscher, barfuß und mit muskulösem Oberkörper in weißen Shorts bei seiner Geliebten, die über ihrem schlanken Luxuskörper nur sein weißes Hemd trägt und ihn nicht gehen lassen will. Liebkosungen, Umarmungen, knisternde Anziehungskraft zwischen den beiden Körpern und Musik von größtem Liebreiz – in einer 360 Jahre alten Oper! Schon eine der ersten Szenen – die morgendliche Abschiedsszene von Nerone und Poppea aus Claudio Monteverdis "L’incoronazione di Poppea" besitzt in Kobie van Rensburgs brillanter, witziger, kluger und sehr sinnlicher Inszenierung am Landestheater Niederbayern eine prickelnde Erotik und sängerisch-musikalische Überzeugungskraft, dass man sich überrascht die Augen reibt.

Aus diesem Staunen kommt man die nächsten Stunden nicht heraus, denn der südafrikanische Tenor, engstens vertraut mit barockem Repertoire und historischer Aufführungspraxis, hat mit dem gesamten Ensemble , das hier versammelt ist, nicht nur penibel stilistisch an der Musik und an der Artikulation des altitalienischen Textes gearbeitet und die freche, pointierte, sehr heutige Übersetzung für die Übertitel erstellt, sondern auch mit einem begnadenswerten Geschick die einzelnen Szenen geradezu perfekt auf den Punkt gebracht. Jede moderne Zuspitzung macht Sinn, etwa wenn bei Ottone (ein sehr respektabler, immer mehr überzeugender Countertenor: Matthias Lucht), der nicht von Poppea ablassen, und sie, die ihn endlich loswerden will, die SMS flugs hin und her schicken – was als doppelte Übertitel auf der weißen Leinwand erscheint, die hier die Fassade ihrer beiden Häuser zeigt. Auf diese Wand kann auch die schließlich im Drogenrausch sich auflösende Bücherwand des moralinsauren Philosophen Seneca projeziert sein oder antike Bilder. Vier differenziert, oft rotgolden beleuchtete, optisch verkürzte, beliebig kombinierbare Säulen bilden das Bühnenbild und schaffen prägnante Räume mit wenig Mitteln. Und es fehlt es nicht an optischen Reizen, denn neben der Bühne hat Dorothee Schumacher wunderbare, fein charakterisierende Kostüme gestaltet. Wie Kobie van Rensburg seine Sänger sich auf den paar Quadratmetern der kleinen Bühne des gerade mal 350 Plätze fassenden ehemals früstbischöflichen Opernhauses bewegen lässt, ist die perfekte theatralische Illusion und macht allen Beteiligten hörbar und sichtbar Spaß.

Da werden die Schüler Senecas flugs zur durchgeknallten Indie-Music-Group. Lustvoll ausgereizt erlebt man die Travestieszenen der von einem Bass gesungenen Amme Poppeas Arnalta (Oscar Imhoff) im Outfit von Dame Edna. Und die zweite Begegnung Poppeas und Nerones ist eine sexuell aufgeladene in Leder- und Lack-Fetisch. Mit Mandie de Villiers-Schutte und Albertus Engelbrecht stehen zwei junge Sänger in Passau auf der Bühne, die keine Wünsche offen lassen: Sie mit ungeheurer Bühnenpräsenz und präzisem Spiel, einem sehr hellen, flexiblen, nur selten im Forte leicht scharf klingenden Sopran, was aber gut zur Rolle der Frau passt, die sich über das Bett des Kaisers an die Macht schläft. Er als Willkür-Herrscher, der keine Verantwortung, aber seinen Sexappeal kennt und seinem warmen Tenor auch kühle, verächtliche Töne abgewinnen kann. Die verschmähte Gattin Nerones, Ottavia, bekommt bei Sabine Noack eine berührende Intensität, ihre große Abschiedsszene "Addio Roma", bevor sie in die Verbannung geschickt wird, singt sie als zu Trauer erstarrende Statue – auch dies ein großartiges Bild.

Die miteinander im Clinch liegende Götterwelt Fortuna (Elizabeth Immelmann), Amore (Melanie Schneider) und Virtù (Eva Kumpfmüller) inszeniert Rensburg einerseits magisch in einem schwarz-blauen Weltraum in einem projezierten Sternzeichen-Globus, andererseits als handfesten Streit mit eindeutig zweideutigen Gesten und sehr ungöttlichem Gerangel und Geschubse. Aber auch als Drusilla, Valletto und Damigella machen die drei eine gute Figur! Anna Janiszewksi, Eva Kumpfmüller, Jeffrrey Nardone, Peter Tilch, Kyung Chun Kim und Václav Barth füllen ihre teils vier verschiedenen kleineren Rollen bis in die Haarspitze hinein musikalisch und szenisch aus – ein Glücksfall, der sich auch an einem größeren Haus nicht oft ereignet.

Mit Wolfgang Katschner, dem Theorbe-Spieler und Leiter des Originalklangensembles der Lautencompagney steht ein Mann an der Spitze eines sehr spielfreudigen, agilen und versierten 16-köpfigen Orchesters, das neben den Streichern vom Haus Spezialisten an Harfe, Barockgitarre, Gambe, Violone, Cembalo, Truhenorgel oder Blockflöte kennt. Zwischen kargem, aber farbigem Continuo und der Imagination eines prächtig-opulenten Klangs ist alles geboten und es muss schon dumm zugehen, wenn diese "Poppea" nicht Kult wird!

Klaus Kalchschmid

Weitere Aufführungen in Passau am 25. Dezember (18 Uhr), 2. (16 Uhr), 14., 15. und 18. Januar (jeweils 19.30 Uhr); in Landshut am 7. und 8. (19.30 Uhr) sowie am 23. Januar (16 Uhr); in Straubing am 21. Dezember (19.30 Uhr) www.landestheater-niederbayern.de
Am 1. , 4. und 5. Februar 2011 ist Kobie van Rensburgs Inszenierung von Händels "Ariodante" am Münchner Cuvilliès-Theater zu erleben. Dirigent von "Così facciamo" auf Originalinstrumenten: Hans Huyssen. Mit Olivia Vermeulen, Stephanie Krug, Martina Koppelstetter, Gudrun Sidonie Otto, Robert Sellier, Tobias Schlierf.

 

 



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