Poppea Dortmund

Macht macht sexy und sexy macht mächtig

Christoph Strehl (Nerone) und Eleonore Marguerre (Poppea) Foto: Bettina Stöß

Das Dortmunder Theater inszeniert Claudio Monteverdis Sex-and Crime-Oper "L’incoronazione di Poppea". Regisseur Jens-Daniel Herzog führte Regie. Unter Fausto Nardi musizieren die Dortmunder Philharmoniker, verstärkt durch eine Continuo-Besetzung auf historischen Instrumenten
(Dortmund, 1. Dezember 2012) Das Dortmunder Theater ist schon etwas besonderes. In welchem Opernhaus hängt man seine Garderobe wie in einer Turnhalle in einen knallorangefarbenen Spint und zieht für zehn Cent den Schlüssel ab? Wie in einer Umkleidekabine fängt die Oper dann auch an. Die Akteure präsentieren sich erst einmal in Unterwäsche, müssen zitternd die Sinfonie und den Prolog abwarten, bis die Kostüme aus dem Schnürboden auf Bügeln herab gelassen werden und Amor das Personal ankleidet, so wie er denkt, dass es richtig ist. Das Publikum sitzt hautnah, "on stage"!
Der Bühnenbildner Mathis Neidhart hat mit goldenen Hauswänden ein Theater ins Theater gestellt, um die Bühne an die Erfordernisse von barockem Musiktheater anzupassen. Und in dem "Domus aurea" von Dortmund – unten ein roter Teppich als Laufsteg, dicht dran die aufsteigenden Sitzreihen entlang der goldenen Längswände, oben rundum eine Galerie, geht es hoch her. Die Krönung der Poppea ist dralles Theater. Und die Herren können natürlich Gift drauf nehmen, dass nach der langweiligen Schiesser-Kollektion auch Damenfleisch unter feinen Dessous und Strapsen geboten wird.
Der "heißen" Frau Poppea leiht Eleonore Marguerre nicht nur ihre verführerischen Reize. Am Schminktisch wird sie zur Marilyn Monroe. Nero, eine Kastratenrolle, übernimmt in der Dortmunder Produktion der Tenor Christoph Strehl, was musikalisch gut funktioniert. Dieser Nero ist ein gemeingefährlicher Psychopath, der durch einen ihn demütigenden Lehrer zur Unmenschlichkeit herausgefordert wird, sich durch die Liebe zu Poppea aber emanzipiert. Liebe ist für ihn existentiell.
Neros Erzieher, der Philosoph Seneca, ist in der Lesart von Regisseur Jens-Daniel Herzog kein Weiser. Er ist ein Lehrer Lämpel, ein selbstherrlicher Besserwisser, was der musikalischen Setzung dieser einzigen seriösen Bassstimme ein wenig zuwider läuft. Senecas große Szene zu Beginn des zweiten Aktes hat fast etwas Klamaukiges. In einer Badewanne voller Bücher sitzend herein geschoben, verkündet ihm der Götterbote Merkur als eine Art Robert Redford-Gentleman (Morgan Moody), dass er sterben wird und bietet ihm aus einem Koffer alle möglichen Selbstmordutensilien an, vom Strick bis zur Handgranate. Der Todesbote Neros kommt dann als Autogrammjäger. Die Freunde erscheinen im Malerkittel und malen Seneca rot an. Alles witzig, aber die großartige Madrigalszene "Non morir, Seneca, no" kann nach diesem Klamauk nicht wirken.
Das verblüffende an dieser Barockoper ist ja, dass sie keine mythologische Erzählstunde und schon gar nicht eine Moral anbietet, dafür aber umso großartiger Gefühlsregungen nachzeichnet. Wenn, dann gibt es irritierender Weise eher eine unmoralische Botschaft: Macht ist sexy oder sexy macht mächtig. Aber Monteverdi nutzt diese Gleichung, um die Gefühle aller Betroffenen rund um diesen Exzess wider zu spiegeln. Und letztlich die Hauptbeteiligten, die auch musikalisch im Zentrum stehen.
Das letzte zärtliche Duett Poppea-Nerone "Pur ti mirto" bleibt einem lange im Ohr, ebenso wie die erste große Liebesszene der beiden. Ja! Diese beiden Menschen lieben sich wirklich bis zum Wahnsinn! Man braucht eigentlich keine Strapse, um das zu hören. Aber großartig ist auch die Abschiedsarie der Ottavia – in schwarzem halterlosen Strümpfen. Mit ihrem "Addio Roma" und dem staccatohaft hervor gestotterten "A-a-a" macht Katharina Peetz die Verzweiflung der Verbannten deutlich. In dieses Spiel ein Gut und Böse hinein zu interpretieren, womöglich einen Zeigefinger zu heben, was die Regie einige Male versucht, das kann nicht wirklich gelingen. Poppea böse zu machen, in dem sie zum Schluss ihre Amme Analtra – eine Travestierolle – wegschickt, ist nicht wirklich glaubhaft, glaubt man der Musik.
Im Spitzgiebel an der Kopfseite saß übrigens das Orchester: doppelt besetzt die Streicher. Ganz links auf der Musikempore ein Kontrabass mit Fagott, rechts ein Posaunist, ein Trompeter und ein Perkussionist. Der Cembalist, ein Theorbenspieler und eine Barockcellistin, die auch zur Blockflöte griff, waren Gäste und die Continuo-Besetzung.
Obwohl Fausto Nardi ein Spezialist für historische Aufführungspraxis ist und die Dortmunder Philharmoniker sich auf alten Instrumenten und mit deren Spielweisen auskennen, haben sie doch unter ihrem ehemaligen Konzertmeister Thomas Rink, jetzt Orchestermanager, oft genug Barockes interpretiert, fehlte es ein bisschen am rhetorischen Schliff. Die Phrasierungen waren nicht immer auf den Punkt, dann wieder nicht flexibel genug musiziert. Endungen fransten aus, weil die Sänger, zwar allesamt vom Timbre her hervorragend besetzt, aber zu wenig mit der Verzierungskunst vertraut die ein oder andere Kadenz mit einer Ribatutta di gola hätten logisch machen können. Vor allem die Partie des Ottone, eigentlich eine Kastratenpartie, die Ileana Maraescu als Hosenrolle überzeugend spielte, hätte das an einigen Stellen dringend gebraucht. Aber das konnte dem großen Bogen dieses Abends, der mit einem spendierten Sektglas für alle Gästen begann, nicht gefährden.
Das überaus spielfreudig und lebendig agierende Ensemble warf sich teilweise virtuos in immer wechselnde Rollen. Das junge Liebespaar Damigella (Maike Raschke) und Valletto (Tamara Weimerich) waren das Buffogegenpaar zu Poppea und Nerone und trieben als Servierdame und Liftboy, aber ebenso als Amore und Fortuna im Prolog und Epilog ihr Spiel. Auch die teilweise in bis zu drei Rollen agierenden Philippe Clark Hall, John Zuckermann, Julia Amos und Maria Hiefinger waren unermüdlich in Aktion. Die fast drei Stunden vergingen wie im Flug!
Sabine Weber

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