Pollini Paris

Was die Musik im Innersten zusammenhält

Maurizio Pollini Foto: Mathias Bothor/DG

In einer eigenen Konzertreihe in Paris blickt Maurizio Pollini auf die Musik des 20. Jahrhunderts
(Paris, 7. März 2009) Ein Suchender und Fragender war Maurizio Pollini bei aller Interpretationstreue und Perfektion schon immer gewesen. In dieser Saison zeigt seine 9-teilige Konzertreihe „Pollini Perspektiven“ in der Pariser Salle Pleyel die ganze Neugier, mit der der 67-jährige italienische Weltpianist Musik des 20. Jahrhunderts betrachtet. In einem virtuosen und sehr persönlich gehaltenen Konzeptionsspagat kombiniert er klassisches Klavierrepertoire mit Werken von Boulez, Stockhausen, Schönberg, Webern, Berg, Nono, Bartok, Berio und Lachenmann. Dazu lädt Pollini führende Interpreten zeitgenössischer Musik ein wie das Klangforum Wien, das Hagen Quartett, die Dirigenten Peter Eötvös und Pierre Boulez. Man mag vermuten: Da will es einer nochmal ganz genau wissen und vor allem spüren lassen, was Musik über Jahrhunderte hinweg im Innersten zusammenhält. Das zweite Konzert in der vollbesuchten Salle Pleyel allein glich einer Zeitreise: frühe Kammermusikstücke von Karl-Heinz Stockhausen aus den 50er Jahren führten zu Schönbergs Klavierstücken, komponiert 1909, Brahms Klavierquintett op.34, rund 110 Jahre älter als Stockhausens Kompositionen setzte den grandiosen Schlußpunkt.
Pollinis Interpretation der drei frühen brüchigen Klavierwerke von Stockhausen glich einer kühlen, nahezu spröden Zärtlichkeit. In statischer Ruhe schenkte er ihnen Ausgedorrtes und Unverbindliches, Virtuosität und Witz dieser Stücke wies Pollini entschieden zurück. Noch verschärfter in der metallischen, kristallinen Interpretationskunst stellte sich das Klangforum Wien mit Stockhausens Werken Kreuzspiel, Zeitmasse und Kontrapunkte dar, Stücke, die ihren Studiencharakter leider bis heute nicht verbergen können. Dirigent Peter Eötvös trat als gestikulierender Zeitverwalter auf, das suchende Auf- und Abgeschaukel, das groteske Gekräusel und nervös Vibrierende von Stockhausens Gedankenwelt verführte zu einem professionellen, doch unterkühlten, leidenschaftlosen Musizieren. Wieviel mehr Esprit, Lebendigkeit und Vergnügen hätte man dem Klangforum Wien da gewünscht. Innig, mit ungeheurer Beethovenschen Anspannung, und dennoch nicht warm stimmte Pollini Schönbergs atonale Klavierstücke an, in denen der Wiener Komponist den Harmonien freien Lauf ließ, allerdings rhythmisch in einem kontinuierlichen Forschen auf erstaunlich traditionellen Pfaden einherging. Ein interessanter musikwissenschaftlicher Gegensatz, auf den Pollini in seiner zurückhaltenden Art hinwies. Und so war man dort angekommen, wo Schönbergs Aufbrechen der Tonalität wurzelt: im nach Expansion drängenden 19. Jahrhundert.
Zersplittert und zerborsten wandelt Brahms in seinem Klavierquintett durch abstrakte Räume, amorph und fahl wirkt dieses Werk trotz aller heroischer Gesten und temperamentvoller Ausbrüche. Das Hagen Quartett agierte glühend vor Pollinis leicht moderatem Spiel, der scheinbar dem Brennen und Erzittern seiner 4 deutlich jüngeren Mitspieler nicht ganz kopflos folgen wollte. Destruktive und sogar zynische Schärfe blitzte unter den Bögen auf, selbst die seelig-süßen Terzen und Sexten schmeckten wie überreife, nahezu gegorene Früchte. Gleißend inszenierte das Hagen Quartett eine mitreißende Apokalypse, in die Pollini – bewahrend und huldigend – auf gar keinen Fall hineingestoßen werden wollte. Doch er konnte nicht anders, und so spiegelte der Zwiespalt zwischen Klavier und Streichern grandios die innere nicht aufzuhaltene Zerissenheit dieses Werks wieder. Das Publikum dankte mit frenetischem Applaus. Und auch Pollini applaudierte voller Anerkennung dem nach Luft ringendem Hagen Quartett.
Julia Schölzel


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