Pollini in Salzburg

Aus Maurizio Pollinis innersten Welten

Ein großer Klavierabend mit Chopin und Debussy im Festspielhaus

Von Derek Weber

(Salzburg, 17. August 2017) Lang ist’s her: 1960 gewann Maurizio Pollini den Warschauer Chopin-Wettbewerb. Das war der Beginn seiner internationalen Karriere. Seitdem ist sein Name in aller Munde, nicht nur als Virtuose der romantischen Musik, sondern auch als einer, der sich intensiv der Musik des 20. Jahrhunderts zugewandt hat und – wie bei Stockhausens „Klavierstück X“- das „normale“ Konzertpublikum mit pianistischen Ellenbogenattacken irritierte. Mit Claudio Abbado und Luigi Nono war er in den 1960er-Jahren eng befreundet, Pierre Boulez kam später hinzu.

In diesem Jahr ist Pollini 75 geworden. Und was sich andeutet, ist eine sanfte Rückkehr zum Repertoire seiner Jugendtage, zu Chopin, Schumann und Claude Debussy. Aber es ist keine Rückkehr im wörtlichen Sinn: Dass er irgendwann einmal als emotionsloser Virtuose galt, dass es in jedem Künstlerleben Höhen und weniger Hohes gibt – längst vergessen. Kaum machte ihn die Kritikerzunft madig, stieg er als Phönix aus der Asche wieder zu neuen Höhen empor. Heute wird von manchen moniert, dass er zu wenig auf seine technische Perfektion achte. (Was die ein, zwei Buhboys meinten, als sie am Ende des ersten Konzertteils ihre Ablehnung bekundeten – wir wissen es nicht. Vermutlich hat ihnen Pollini zu wenig virtuos aufgespielt, zu sehr nach innen gekehrt, zu grüblerisch, zu offensichtlich Chopins dunkle Seiten suchend.)
Maurizio Pollini spielt auf einem eigens vom italienischen Klavierbauer Angelo Fabbrini für ihn angefertigten, „getunten“ Steinway-Flügel, der im Klang ein wenig ins 19. Jahrhundert zurückführt und der Ablehnung des Rubatohaften und Sentimentalen entgegenkommt, die Pollinis stilistische und spielerische Grundeigenschaften auszeichnen. Da blickt man immer wieder in irritierende Innenwelten. Keine Melodie ist nach außen gekehrt; nichts wirkt wie ein profanes Statement. Immer sind es Botschaften, die zuweilen den Eindruck erwecken, als seien sie aus einer spontanen Regung heraus entstanden.

Pollini bettelt nicht um Applaus, er spielt, was er meint spielen zu müssen, weil das auf dem Notenblatt Fixierte eben nicht für sich steht, sondern nur durchs Gemüt des Pianisten hindurch zum Leben erweckt wird. Was dabei herauskommt, ist in den zwei Chopin-Nocturnes op. 55 und in der Barcarole op. 60 nachdenkliche Poesie. In der 3. Klaviersonate (in h-Moll, op. 58) zeigt Pollini, dass er auch in der großen Form zu Hause ist und doch die Tastenläufe silbrig perlen lassen kann. In solchen Momenten glaubt man zu ahnen, warum sein getunter Steinway-Flügel im Diskant noch präsenter klingt, klar und glockenhell, aber immer auf Dezenz getrimmt.

Nach der Pause kommt beim Zweiten Buch der Préludes von Claude Debussy zugespitzte Dramatizität ins Spiel. Die allgemeinen Spielanweisungen des Komponisten dienen als Leitfaden, den Pollini in alle Extreme hinein verfolgt und Debussy dorthin rückt, wo er hingehört: ins 20. Jahrhundert. Keine Schönfärberei wird betrieben, sondern dosierte eckige Virtuosität.
Zur Belohnung gab’s zwei große unfröhliche und unleichtgewichtige Zugaben: „La Cathédrale“ aus dem ersten Buch der Debussy’schen „Préludes“ und Chopins Scherzo Nr. 3. Auch bei den Encores blieb der Pianist sich treu: Er spielt für sich, folgt seinen inneren Stimmen. Und die waren an diesem Abend eher düster gestimmt. Den Applaus nahm er zur Kenntnis wie Botschaften aus einer anderen Welt.

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