symphonic poems - poland abroad, Vol 2
Fitelberg, Morawski, Laks, Tansman
Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt (Oder)
Klaudyna Schulze-Broniewska, Violine, Jürgen Bruns, Dirigent
EDA 27 (Edition Abseits), LC 06597
Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es das kleine Berliner CD-Label "Edition Abseits", kurz EDA genannt. Wie der Name schon anzeigt, soll hier Repertoire abseits des sogenannten Mainstreams bekannt gemacht werden. Dazu gehören romantische Klavierquintette ebenso wie Werke des Richard Strauss-Zeitgenossen Franz Schreker und dessen Schüler, Musik von jüdischen Komponisten, und, seit einiger Zeit auch Musik von polnischen Komponisten im Exil. Da Polen über Jahrhunderte unter Fremdherrschaft "litt", gab es viele Künstler, die zur Entfaltung ihrer Kunst, ihr Glück im Ausland suchten, vor allem in Frankreich. Dazu zählen die Komponisten der zweiten CD der Reihe "poland abroad" Simon Laks, Alexandre Tansman, Grzegorz Fitelberg und Eugeniusz Morawski. "symphonic poems" (Sinfonische Dichtungen) für großes Sinfonieorchester wurden hier vom Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (Oder) unter Jürgen Bruns eingespielt. Eine Entdeckung, die sich lohnt.
Kraftvoll, mit einem beherzten Sprung in das gewaltige und reiche Meer der Orchesterfarben beginnt etwa die Symphonische Dichtung "Das Lied vom Falken" nach einer Erzählung von Maxim Gorki des polnischen Komponisten und Dirigenten Grzegorz Fitelberg (1879-1953). Der Hörer taucht ein in ein opulentes Klanggemälde, voller Raffinesse im Orchestersatz. Man kann auch gut hören, dass Fitelberg ein Kenner und Liebhaber der Musik Richard Wagners war, er in seiner eigenen Musik aber ein eigenes Profil suchte und fand.
Es ist leider eine traurige Wahrheit, dass noch immer viele deutsche Musikinteressierte nahezu gar nichts über polnische Musik wissen. Die Namen Szymanowski oder Lutosławski, Penderecki, Gorecki mögen noch bekannt sein, aber Komponisten des heutigen polnischen Musiklebens oder des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts, wie Fitelberg, Tansman, Laks, Morawski? Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist den Produzenten von Edition Abseits Frank Harders-Wuthenow und Tilman Kannegiesser ein großes Lob auszusprechen. Schon die erste CD der Reihe "poland abroad" mit Musik für Streichorchester zeigte, dass es hier Schätze von exzellenter Musik zu entdecken gibt. Man höre einmal die ungeheure Intensität und Dichte, die dynamische Kraft in Eugeniusz Morawskis (1876-1948) "Nevermore", das sich auf Edgar Allan Poes Erzählung "Der Rabe" bezieht.
Dass die gesamte CD einen - man darf es einmal etwas überschwänglich formulieren - überwältigenden Eindruck hinterlässt, ist auch besonders dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt unter Jürgen Bruns zu danken. Dem gut 40jährigen, mehrfach ausgezeichneten Dirigenten merkt man seine Neugier und Passion für diese so spannende, feinnervige Musik an, er inspiriert das Orchester zu einer außergewöhnlichen Leistung, sorgt für wunderbare Balance der Instrumente, für strukturelle Durchsichtigkeit. Das kommt etwa dem zarten Poème für Violine und Orchester des Ausschwitz-Überlebenden Simon Laks (1901-1983) zugute. Die Solistin Klaudyna Schulze-Broniewska spielt mit sehr facettenreichem, ausdrucksintensivem Ton.
Das dritte Werk dieser CD - Alexandre Tansmans "Hommage an Erasmus von Rotterdam", 1969 ein Auftragswerk der Stadt Rotterdam anlässlich des 500. Geburtstages von Erasmus - ist ein klanglich sehr empfindsames Werk. Auch hier vermittelt das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter Jürgen Bruns mit wunderbarer Sensibilität das für Tansman (1897-1986) typische Nebeneinander von traditioneller und sehr moderner Tonsprache.
Poland abroad, Volume 2 präsentiert nicht nur handwerklich hervorragend komponierte Musik. Diese Werke lohnt es unbedingt, kennen zulernen. Liebhaber spätromantischer, impressionistischer wie expressionistischer und experimentierender Musik werden daran große Freude haben.
Elisabeth Richter