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Ein Fest

Ein festspielwürdiger „Eugen Onegin“ an der Staatsoper mit Anna Netrebko, Mariusz Kwiecien, Pavol Breslik und Günther Groissböck
Von Klaus Kalchschmid
(München, 29. Juli 2015) Was für ein Sängerfest! Schon wenn Anna Netrebko als junge Tanja an der Seite ihrer Schwester Olga (herrlich sinnlich frech: Alisa Kolosova) vor dem Mikro sich wiegend in Jeans und Blumen-Bluse zu singen beginnt, geht das Herz auf ob eines derart satten, schönen Soprans, der gleichwohl mädchenhaft klingen kann. In Tatjanas großer Briefszene, bei der sie in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski ihr glühendes Verliebtsein einem Cassettenrekorder anvertraut, wird aus dem Mädchen eine sehnsuchtsvoll ihre Gefühle preisgebende Frau. Wenn am Ende dann eine elegante Fürstin Gremina dem Onegin des eleganten, mit intensivem Bariton, ebenso viril wie sensibel gestaltenden Mariusz Kwiecien gegenübersteht, begegnen sich erneut zwei Menschen, die sich einst tragischerweise zur falschen Zeit getroffen haben und nun beide vergeblich um Fassung ringen.
Weil Warlikowski das Verhältnis zwischen den beiden Freunden als ein latent schwules deutet, besteht zwischen dem arroganten Onegin Mariusz Kwiechiens und dem zunächst so schwärmerisch herzlichen warmen Tenor-Glanz verströmenden, später so leicht verletzbaren und dann zutiefst unversöhnlichen Dichter Lenski Pavol Bresliks ein wunderbar vielfältiges Spannungsverhältnis, das sich in einem unvermuteten, langen (Versöhnungs-)Kuss Onegins, den der Lenski abringt, entlädt. Folgerichtig finden sich die beiden auf dem Doppelbett eines Motels wieder, auf dem der eine unruhig sich hin- und her wälzt, der andere verzweifelt ein Kissen drückt. Wenn Lenski seine große Abschiedsarie vom Leben in eine Anrufung des Tods als sein Bräutigam mündet lässt, singt das Breslik mit einer derart still verzweifelten Innigkeit, das sich Applaus eigentlich verbietet.
Das Duell danach ist eigentlich eine Tötung im Affekt, weil Onegin die erotische Bedrohung des Hemd und Hose sich aufreißenden Freundes nicht aushält. Wie immer bekommt die unmittelbar danach auf der Einheitsbühne einsetzende die Polonaise der halbnackten gut gebauten Cowboys – diesmal in einer selten gesehenen Perfektion getanzt – neben viel Beifall auch etliche Buhs. Denn dass alles Geschehen dieses zweiten Teils sich im Kopf Onegins abspielt und seine Ängste spiegelt, muss erst einmal verstanden werden. Deshalb ist Günther Groissböck auch wieder erst Saretzki, der Sekundant Lenskis dann Fürst Gremin. Mit welcher Natürlichkeit und Zurückgenommenheit dieser Prachtkerl von einem Bassisten seine Arie über die Allmacht der Liebe als weise Reflexion singt, ist ebenfalls betörend.
Leo Hussain dirigiert einen in den Tempi oft sehr ungestüm wechselnden, dadurch ungemein spannenden, unvorhersehbaren „Eugen Onegin“, was aber auch zu rhythmischen Verwerfungen zwischen Bühne und Graben führen kann. Doch das intensive, nervös aufgerauhte und dabei immer glutvolle Spiel des Staatsorchesters trägt über alle Klippen.  

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