"Piramo e Tisbe" von Johann Adolf Hasse

Il Sassone

"Piramo e Tisbe" von Johann Adolf Hasse mit Fabio Biondi und seinem Ensemble "Europa Galante" beim "Festival Radio France et Montpellier Languedoc-Roussillon"

(Montpellier, im Sommer 2010) Das "Festival Radio France et Montpellier Languedoc-Roussillon" ist ein in Deutschland relativ unbekanntes Festival, was sicherlich daran liegt, dass die vielen deutschen Touristen, die sommers in der Provence ihre Ferien verbringen, nur selten die mehrstündige Fahrt nach Montpellier auf sich nehmen. Doch ein Ausflug lohnt sich, auch ein oder zwei Nächte in der hübschen Stadt zu bleiben.

Vor allem aber lohnt es sich nach Montpellier zu fahren, wenn das "Festival Radio France et Montpellier Languedoc-Roussillon" stattfindet. Ein kleines und sehr feines Festival, nahezu komplett von Radio France finanziert. Sämtliche Konzerte werden live oder einige Tage später im Rundfunk ausgestrahlt. Das Staatsradio läßt sich nicht lumpen und lädt einige der berühmtesten Ensembles aus Frankreich und dem Ausland ein. Das vielleicht interessanteste Konzert des Festivals 2010 war das tragische Intermezzo "Piramo e Tisbe" von Johann Adolf Hasse, das 1768 in Wien unaufgeführt wurde.

Der 1699 in Bergdorf geborene und 1783 in Venedig gestorbene Hasse stand Zeit seines Lebens im Schatten von Georg Friedrich Händel. Der ist heute als "il Sassone" bekannt, als der Sachse, der in Italien Karriere machte. Doch zu seinen Lebzeiten war Hasse ebenso berühmt in Italien. Das will was heissen, denn in Italien machten Ausländer nur dann als Musiker Karriere, wenn sie mindestens so gut wie ihre italienischen Kollegen waren. Hasse feierte in Italien mit seinen Opern einen Erfolg nach dem anderen. Was ihn allerdings von Händel unterscheidet ist vor allem der Umstand, dass seine Arien nicht als "typisch Hasse" zu erkennen sind.

Doch das tragische Intermezzo, das in Montpellier nur konzertant aufgeführt wurde, beweist, dass Hasse ein Meister der Noten war, der mit einem Feuerwerk unterschiedlichster Arien und Duette seine Zuhörer zu faszinieren weiss. "Piramo e Tisbe" ist die Geschichte einer unrealisierten Liebe, die mit einer Reihe von Selbstmorden endet. Ein "noire" im Barockstil: dramatisch, ergreifend und höchst musikalisch.

Fabio Biondi und sein Ensemble "Europa Galante" boten eine meisterhafte Interpretation. Biondi darf sicherlich als einer der besten Interpreten auch deutscher Barockmusik bezeichnet werden. Ihm gelingt jener Mix aus musikalischen Elementen, die aus dem deutschen und dem italienischen Kulturkreis stammen. Ein tonaler Mix, in dem Händel und Hasse Meister waren.

Vivica Genaux sangt den Piramo. Die kanadische Sängerin ist technisch perfekt, doch ihr fehlt das Gefühl in der Stimme. Das ist sehr schade, denn sie hat eine wirklich ausgezeichnete Stimmtechnik, doch ob himmelhochjauzend oder zu Tode betrübt: bei ihr hört sich alles gleich an. Ganz anders hingegen Désirée Rancatore als Tisbe: Gefühl, Stimmtechnik und eine exakte Aussprache. Eine Stimme, die vielleicht ein bisschen zu klein ist und nach einem kleinen Saal verlangt, die aber einiges zu bieten hat.

Noch ist unklar, ob Radio France eine CD-Einspielung produzieren wird. Das wäre schön, denn die einzige Einspielung, die es von diesem Intermezzo gibt, ist schon einige Jahrzehnte alt und nicht unbedingt zu empfehlen.

Thomas Migge

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.