Pique Dame

Opernkritik: Pique Dame

Tragisches Ende eines Wahnsinnigen

Mariss Jansons Foto: BR

Mariss Jansons dirigiert eine grandiose halbszenische „Pique Dame“ in München
Von Klaus Kalchschmid
(München, 13. Oktober 2014) Wenn Mariss Jansons nach Tschaikowskys letzter Oper „Pique Dame“ den Taktstock niederlegt und das Licht erlischt, herrscht in der Philharmonie lange ergriffene Stille: Der geistig umnachtete Hermann hat gerade am Spieltisch alles Geld an seinen Rivalen verloren, ein messerscharf realistisch-nihilistisches Credo gesungen und sich das Leben genommen, da setzen a capella seine (Mit-)Spieler ein und betrauern ihn in einem leisen, zarten Männerchorsatz, wie er tröstlicher nicht aus russisch-orthodoxer Liturgie stammen könnte.
Zu Ende ging damit eine grandiose Aufführung, die ganz konzentriert war auf die fantastische, düster-glühende, aber manchmal auch – nicht zuletzt in opulenten Chören und einer klassizistisch gefalteten Ballett-Pantomime – grand-opéra-haft aufrauschende Musik Tschaikowskys. Doch dank der großartigen, auswendig singenden Sänger, feiner Lichtregie und sparsamer Momente des Spielens und Interagierens bei den Auftritten und vor den Mikros für die Live-Übertragung, kam auch das Drama zu seinem Recht. Und das hat es in sich, denn wie da Hermann zuerst um die Liebe des Mädchens Lisa buhlt (und sie sogar erringt), das ihm nicht standesgemäß ist und dem Fürsten Jeletzkij versprochen; dann aber diese Liebe aufs Spiel setzt, weil er glaubt, eine gute Partie nur mit Reichtum zu sein, den ihm drei von der alten Gräfin, der Großmutter Lisas, vorhergesagte Karten verschaffen, das ist zutiefst tragisch.Zumal Hermann von Beginn der Oper an Züge eines immer weiter fortschreitenden Wahnsinns trägt, der ihn schließlich der Realität soweit entrückt, dass er glaubt, die – bereits tote! – Gräfin besuche ihn erneut, und verrate ihm nun die entscheidenden drei Karten, deren letzte freilich beim finalen Spiel dann kein As, sondern – nomen est omen – eine Pique Dame ist.
Der Ukrainer Misha Didyk ist weltweit ein gefeierter Hermann – und das konnte er auch in München mit manchmal weiß-, manchmal rotglühendem dramatischen Tenor und bei aller Leidenschaft auch in vielen lyrischen Facetten beweisen. Seine Lisa war die Russin Tatjana Serjan, auch sie mit einer slawisch volltönenden dramatischen Stimme gesegnet und mit großer, breiter Ausdruckskraft. Das Liebesduett der beiden war einer der an Höhepunkten wahrlich nicht armen Aufführung.
Während auf der Bühne die 80-jährige Gräfin oft von wirklich alten berühmten Operndiven verkörpert wird, ist Larissa Diadkova – unvergessen als Filipjewna im „Eugen Onegin“ an der Bayerischen Staatsoper – ein Mezzo in voller Kraft, aber in ihrem Hass auf alles Neue und im Festhalten an ihre Vergangenheit am Hof in Frankreich von so dämonisch abgründigem Stolz, dass es auf faszinierende Weise schauerlich war, zumal die Russin auch noch wunderbar spielte – innerhalb der notwendigerweise gesetzten Grenzen eines Konzertsaals.
Zwei Pracht-Baritone waren als Fürst Jeletzkij und Graf Tomskij besetzt: Für ersteren der 35-jährige Alexey Markov mit enorm charismatischer Ausstrahlung (auch er vor einem Jahr am Nationaltheater ein fantastischer Conte di Luna in der Neuinszenierung von Verdis „Trovatore“) sowie Alexey Shishlyaev, der nicht minder intensiv und stimmgewaltig in der kleineren, aber keineswegs unwichtigeren Partie des Tomskij zu erleben war! Bis hin in die kleinsten (auch aus dem fulminanten Chor des BR heraus besetzen) Partien war diese Aufführung sängerisch erlesen.
Was das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Jansons bot, war Oper at its best: bei aller schlanken, plastischen Präzision und den goldrichtigen Tempi von großer Leidenschaft durchglüht, klar und leuchtend bis in die Haarspitzen und von einem musikdramatischen Furor durchlebt, der große Lust auf mehr machte: vielleicht auch einmal mit hierzulande weniger gespieltem russischem Repertoire.

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