Piotr Anderszewski

Konzertkritik: Piotr Anderszewski

Keine tönende Schizophrenie

Piotr Anderszewski Foto: Warner Classics / Ari Rossner

Der Pianist Piotr Anderszewski mit Werken von Bach, Schumann und Szymanowski zu Gast in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 8. Dezember 2015) Das Publikum, das dem polnischen Pianisten Piotr Anderszewski lauschte, war zahlenmäßig überschaubar, jedoch ausnehmend begeistert. Dabei gab es erst einmal eine nicht näher begründete Programmänderung hinzunehmen. Die Bach-Partiten BWV 830 und 825 wurden zwar gespielt, aber die angekündigten Werke von Leos Janacek und Béla Bartók wichen Kompositionen von Robert Schumann und Karol Szymanowski. Bei einem Künstler, der seinen Auftritt bei einem maßgeblichen Klavierwettbewerb (Leeds 1990) von sich aus abbrach, weil er mit sich nicht zufrieden war, muss notwendigerweise als skrupulös gelten. Was auch immer zu der aktuellen Entscheidung geführt hat, man nahm sie hin. Ebenso wie die Tatsache, dass sich der Pianist vor kurzem eine Weile ganz vom Konzertbetrieb zurückgezogen und ein Sabbatical eingelegt hatte.
Bach bildete den Rahmen des Konzertes, und die beiden Partiten möchte man, so wie sie Piotr Anderszewski spielte, höchsten Rang zuerkennen. Die Werke entstanden im Umfeld der damals sehr beliebten Suiten, nennen sich prinzipiell auch so, gehen aber in ihrem kompositorischen Anspruch über reine Spielmusik weit hinaus. Piotr Anderszewskis Auseinandersetzung mit Bach begann schon früh, er hat die genannten und andere Stücke in seiner Karriere auch sukzessiv auf CD eingespielt.
Vom vergnüglichen Tanzcharakter, welcher auch bei Bach immer wieder mal durchschlägt, hielt sich der Pianist merklich fern. Es gab zwar vereinzelt feingliedrig gestaltete Sätze zu hören, aber der interpretatorische Grundton war ein eher schwergewichtiger, kantiger, wirkte manchmal fast abkapselnd. Ließ man sich auf ihn nach erstem Zögern ein, überzeugte er voll und erschien einem sogar schließlich als einzig möglicher. Piotr Anderszewskis Spiel war ohne Wenn und Aber, klar (vielleicht hier und da etwas nüchtern) im Anschlag, räumte beiden Händen dynamische Gleichberechtigung ein. Der weitgehende Verzicht aufs Pedal machte den Klang besonders durchhörbar.
Das ist schon deswegen zu betonen, weil der Pianist bei den anderen Kompositionen in diesem Punkt sehr viel großzügiger verfuhr, vereinzelt sogar etwas fahrlässig. Dennoch hatte seine Darstellung von Schumanns leichtfüßigen „Papillons“ alle erforderliche Grazie. Klangliches Aufschäumen ließ sich Anderszewski aber in keinem geeigneten Moment entgehen.
Die selten gespielten „Geister-Variationen“ haben einen tragischen Hintergrund. Entsprang nach Mitteilung Schumanns an seine Frau Clara bereits das zentrale Motiv Jenseits-Einflüsterungen durch Schubert und Mendelssohn, geriet die Ausführung der Variationen zu einem fast schon halluzinatorischen Akt, welcher in den bekannten Suizid-Versuch Schumanns mündete. Das versuchte man später abergläubisch unter den Tisch zu kehren; erst 1939 wurde das originale Werk publiziert. Hört man die Musik unbefangen, lässt sich ihr allerdings kaum dämonisch Geheimnisvolles entnehmen. Meditativ und verinnerlicht ja, aber keine tönende Schizophrenie. Piotr Anderszewski agierte am Klavier denn auch ganz “normal“, bot die Musik ohne Andeutungen von Exaltation. Dass der Klang am Schluss versandet und sich BWV 825 beifallslos anschließen konnte, war dann freilich eine Überraschung.
Direkt nach der Pause gab es noch Szymanowskis „Metopy“ zu hören, von Piotr Anderszewski auch auf Tonträger festgehalten – Ehrensache für einen gebürtigen Polen. Das Werk reflektiert Stationen der Odyssee, wobei zentrale Frauengestalten (Sirènes, Calypso, Nausicaa) den Einzelsätzen ihren Namen gegeben haben. Die lassen eigentlich sanfte Musik erwarten. Bei Szymanowski geht es aber keineswegs säuselnd, passagenweise sogar recht klangruppig zu. Ein Debussy hätte sich zweifellos anders geäußert. Piotr Anderszewski stellte sich auf Szymanowskis Musik kompromisslos ein. Besänftigung erfolgte zuletzt bei einer zugegebenen Beethoven-Bagatelle.


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.