Piotr Anderszewski Köln

Wanderer ohne Ruhe

Piotr Anderszewski (Foto: Robert Workman)

Pianst Piotr Anderszewski überzeugt in Köln mit Bach, Schumann und Janáček
(Köln, 12. Dezember 2012) Über ein Jahr zog er sich aus dem öffentlichen Musikleben zurück, um im "Hamsterrad des Musikbetriebs" nicht Müdigkeit, Misslaune und Routine anheim zu fallen. Dass Piotr Anderszewski ein skrupulöser Pianist ist, hatte er auf spektakuläre Weise schon einmal demonstriert. Im Halbfinale des Klavierwettbewerbs 1990 in Leeds brach er die Widergabe von Anton Weberns Variationen op. 27 ab, nachdem er schon Ludwig van Beethovens Diabelli-Variationen als "so schlecht" gespielt empfunden hatte, wie er in einem Jahre später geführten Interview wissen ließ. Dennoch kam es 1991 zu einem erfolgreichen Debüt in der Londoner Wigmore Hall.
Im gleichen Jahr begegnete Piotr Anderszewski in seiner Geburtsstadt Warschau dem großen Swjatoslaw Richter: "Er war für mich ein Gott". Aufgeregt verfolgte der Newcomer die Proben Richters und war über die Maßen erstaunt, dass dieser sein Instrument keinem größeren Test unterzog. Konzerte seien für ihn wie ein Schicksal, hat Richter erläutert. Diese Einstellung hat sich inzwischen auch Piotr Anderszewski zu Eigen gemacht.
Mit einem anderen berühmten Fachkollegen, Glenn Gould nämlich, teilt Anderszewski eine Neigung zur Zurückgezogenheit, auch wenn er sie nicht so radikal und verbissen auslebt wie der Kanadier: Über die Gefahr von Isolation ist er sich durchaus im Klaren. Aber er muss immer wieder "alleine und anonym" sein. Wenn Piotr Anderszewski "Einsame Blumen" aus Robert Schumanns "Waldszenen" als Zugabe zum Besten gibt, wie er es jetzt in der Kölner Philharmonie tat, möchte man das also nicht für eine rein musikalische Wahl halten, selbst wenn das Stück zur vorher gespielten Fantasie C-Dur op. 17 natürlich sinnvoll korrespondierte. Der langsame Satz aus Johann Sebastian Bachs Italienischem Konzert schlug wiederum eine Brücke zu den beiden Suiten BWV 808 und 816 im Vorpausenteil.
Schumann galt übrigens Piotr Anderszewskis jüngste CD-Einspielung (ohne die Fantasie). Im Zusammenhang mit ihr entstand auch die dritte Filmdokumentation Bruno Monsaingeons über den Pianisten. Zuvor hatte er dessen Arbeit an Beethovens Diabelli-Variationen visuell festgehalten und auch das Porträt "Voyageur intranquille" ("Wanderer ohne Ruhe") gestaltet.
Die Fantasie von Schumann ist das, was man einen "großen Brocken" zu nennen pflegt. Ihre Musik ist teils wild und ungebärdig, teils zartfühlend ("im Legendenton"). Die heterogenen Temperamente von Florestan und Eusebius durchwirken bereits dieses Opus des Mittzwanzigers. Eine besondere biografische Prägung besteht darin, dass Schumann 1836 (die endgültige Ausformung des Werkes zog sich dann noch bis 1839 hin) verzweifelt entschlossen war, auf eine dauerhafte Verbindung mit Clara Wieck zu verzichten. Dass die Ehe schließlich doch noch gegen Claras Vater durchgesetzt werden konnte, war ein damals noch nicht absehbarer glücklicher Ausgang. Das versteckte Zitat von Beethovens "An die ferne Geliebte" war für den Komponisten also doch "eine tiefe Klage um Dich".
Piotr Anderszewski gestaltete das Werk "wild herausfahrend", um einen Terminus Gustav Mahlers zu gebrauchen, behielt die Ausbrüche anschlagstechnisch jedoch unter sicherer Kontrolle. Pianopassagen lebten nicht zuletzt von Anderszewskis sublimer Gestaltung des Stimmengeflechts, der korrespondierenden Darstellung melodischer und harmonischer Elemente, ebenso wie deren sinnfälliger Kontrastierung. Getupfte Schlussakkorde beendeten diese außergewöhnlich klangreiche und feinfühlig aufgefächerte Interpretation.
Vergleichbares erlebte man bei den Bach-Suiten, vor allem bei den ausgedehnten Sarabanden-Sätzen. Die nationalen Zuweisungen in den Titeln ("englisch", "französisch") sollten nicht zu gewichtig ausgelegt werden, da spielen eher äußerlich Umstände der Entstehung eine Rolle. Der formal auffälligste Unterschied ist, dass es bei BWV 816 kein Prélude gibt wie bei BWV 808. Beide Werke reihen Tanzsätze aneinander, zeigen sich von ihrem Habitus her spielerisch. Piotr Anderszewskis brillante Fingerfertigkeit ermöglichte der Musik lebendigen Auslauf, versah sie mit pianistischen Blitzlichtern, gab ihr charmanten Umriss.
Leos Janáček "Auf verwachsenen Pfaden" (zweite Serie) brachte die Begegnung mit einem zwar etablierten, doch immer noch als schwierig empfundenen Komponisten. Sein Stil ist unorthodox und eigenwillig, wurzelt andererseits in Traditionen, in einigen Passagen ergeht sich Janáček sogar ausgesprochen terzenselig. Dass Piotr Anderszewski mit der musiksprachlichen Individualität des Mähren vertraut ist (über die Polen sagt er mal: "Ihre Seele ist slawisch.") und sie emotional dicht und doch mit klarer Kontur umzusetzen weiß, hatte er schon 1995 bei seiner ersten CD-Einspielung (mit Viktoria Mullova) bewiesen, welche Sonaten von Claude Debussy, Sergej Prokofjew und eben Janáček enthält.
Christoph Zimmermann

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