Pierre-Laurent Aimard spielt Debussy

Klirrend kalt bis emotionslodernd

Pierre-Laurent Aimard Foto: DG

Zyklus in Köln: Pierre-Laurent Aimard spielt Debussy, Holliger und Schumann
(Köln, 31. Oktober 2012) Eine zwischenzeitliche Erkrankung von Pierre-Laurent Aimard und Matthias Goerne verhinderte einen vorgesehenen Liederabend und reduzierte damit das von der Kölner Philharmonie als Dreiteiler konzipierte Porträt des Pianisten. Den Anfang hatte ein Programm mit Klavierkonzerten gebildet (mitbeteiligt Aimards ehemalige Schülerin Tamara Stefanovich und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen – Rezension unter dem Datum des 21.10.). Den Abschluss machte jetzt ein dramaturgisch anspruchsvolles Solorecital, in welches Erfahrungen von Aimards CD-Aufnahmen von Claude Debussys "Préludes" (2012) und Robert Schumanns "Ètudes symphoniques" (2005) eingeflossen sein dürften.
Die "verführerischen Kräfte" in der Musik Debussys, selbst in ihren mehr lyrischen Varianten wurden in den Entstehungsjahren nur bedingt verstanden und gewürdigt. Ein Stück wie "Clair de lune" ("Suite Bergamasque") brachte es aufgrund seiner schmeichelnden Terzharmonien allerdings zu Popularität und beförderte wohl auch die Etikettierung von Debussys Musik als "impressionistisch", was der Komponist jedoch als "Dummheit" zurückwies. Viele Überschriften seiner "Préludes" (Aimard beschränkte sich in Köln auf das 2. Buch) sind malerisch formuliert wie bei "Brouillards" ("Nebel"), leicht ironisiert bei "Les fées sont d’exquises danseuses" ("Die Feen sind erlesene Tänzerinnen") und relativ irdisch beim brillanten Finale "Feux d’artifice" ("Feuerwerk"). Général Lavine excentric" wiederum ist geprägt von Ironie, und "Les Tierces alternées" ("Die alternierenden Terzen") geben im Grunde nur formale Hinweise.
Interpreten steht eine große Bandbreite des Ausdrucks offen. Pierre-Laurent Aimard ist fraglos ein Klangtüftler, allerdings kein Sfumato-Pianist. Er bevorzugt, offenkundig geprägt durch seine Erfahrungen mit zeitgenössischer Musik, die klare Linie, die unverwischte Kontur, er vermeidet Nebulöses (selbst in den "Brouillards"). Die Pedalisierung geriet allerdings – möglicherweise bedingt durch das große Auditorium – nicht immer kontrolliert genug, der eine oder andere Ton klang abgerissen. Die Klangfantasie und -kultur des Spiels beeindruckte gleichwohl.
Bei "Elis. Drei Nachtstücke" bezieht sich der junge Heinz Holliger auf einen Topos der Romantik("Nacht") und auf Georg Trakls gleichnamige Gedichte – mit einer glasklaren, mitunter fast klirrend kalten Musiksprache. Trotzdem wird die Figur des Elis als "paradiesisch reines Wesen zwischen Traum und Tod" auf sublime Weise erfasst. Und dieser Ausdruck scheint für Pierre-Laurent Aimard eine Art zweite Haut zu sein.
Umso überraschender dann die affektgeladene, schwungvolle, geradezu emotionslodernde Wiedergabe von Schumanns "Sinfonischen Etüden", von denen es ebenfalls eine CD-Aufnahme (von 2005) spielte. Schon bei dieser frühen Komposition sind die Schumannschen Kontrastfiguren Florestan (stürmisch) und Eusebius (träumerisch) manifest. Aimard gab diesen Zyklus vollständig. Er berücksichtigte also auch die von Schumann in der Druckausgabe von 1852 eliminierten Variationen 3 und 9 sowie jene 5 "Anhang-Variationen", die er bereits in zurückliegenden Jahren getilgt hatte, die aber von Johannes Brahms 1873 wieder zugänglich gemacht wurden. Als unbefangener Hörer dürfte man die Schnittstellen auf Anhieb kaum nachvollziehen und sich erklären können, was die Gründe für Schumanns Revisionen waren. Pierre-Laurent Aimard jedenfalls vermittelte mit einer breiten Ausdrucksskala den Eindruck von Geschlossenheit und Stringenz. Die Zugabe – "La cathédrale engloutie" aus dem 1. Buch der Debussy-Préludes – schloss den Abend stimmig ab.
Christoph Zimmermann

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