Pierre-Laurent Aimard erhält Siemens-Musikpreis

Pierre-Laurent Aimard Foto: Marco Borggreve

Laudatio auf einen großen Pianisten

Pierre-Laurent Aimard ist in München mit dem Siemens-Musikpreis 2017 ausgezeichnet worden. Der Komponist George Benjamin hielt die Laudatio – und Aimard bedankte sich mit einem Klavierabend…

Von Robert Jungwirth

(München, 2. Juni 2017) Mit Pierre-Laurent Aimard wurde am Freitag einer der profiliertesten Musiker unserer Gegenwart mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis ausgezeichnet. Wie kein anderer Pianist hat sich Aimard für die Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart eingesetzt und sie in oft beispielhaften Interpretationen vorgestellt. Ganz gleich ob Ligeti, Stockhausen, Messiaen oder Boulez – Aimards Aufführungen dieser meist unglaublich schwer zu spielenden und komplexen Musik sind immer geprägt von einer enormen geistigen Schärfe und Wachheit sowie rhetorischen Beredtheit, die selbst kompliziertesten Strukturen eine für den Zuhörer nachvollziehbare Klarheit verleiht. Aimard weiß bei jeder Note, warum er sie spielt und warum es sie so spielt wie er sie spielt. Das ist keine Selbstverständlichkeit – vor allem nicht bei Neuer Musik! Deshalb ist die Auszeichnung Aimards mit diesem insbesondere der Neuen Musik gewidmeten Preis so richtig und wichtig. Das empfand auch das Publikum bei der Preisverleihung im Münchner Prinzregententheater am Freitagabend so, als es den Pianisten seinerseits mit stehenden Ovationen ehrte.

Zuvor hat der englische Komponist George Benjamin Aimard in seiner Laudatio als „denkenden Musiker“ gelobt, dessen Geist sein Spiel durchdringe und beflügele. Man müsse sich nur vergegenwärtigen, so Benjamin, dass Aimard bereits mit 13 ein Anhänger von Messiaen war und von dessen Frau unterrichtet wurde, um zu verstehen, welche Klangsensibilität er vom Jugendalter an für die Neue Musik entwickelt hat. „Phänomenale Fingerfertigkeit, atemberaubende Genauigkeit, spektakuläre Kontrolle des Anschlag, unendliche Abstufungen in der Dynamik, höchste rhythmische Präzision und, wenn erforderlich, gewaltige Kraft – in diesen Fähigkeiten fand Ligeti seinen idealen Interpreten, jemanden, der die hintergründigen und magischen Illusionen, die er mit seiner Musik herbeizaubern wollte, zum Leben erwecken konnte.“

Dazu kommt das unglaubliche Pensum an Werken, das Aimard in den zurückliegenden Jahren erarbeitet und aufgeführt hat – zum Teil in wahren Marathon-Konzerten oder zu ungewöhnlichen Zeiten an ungewöhnlichen Orten, wie Benjamin erzählte. „Ein Höhepunkt seines letzten Jahres war die vollständige Aufführung von Messiaens Mammutwerk Catalogue d’oiseaux, das sich über 24 Stunden erstreckt und in dem jeder der 13 Sätze exakt die Tageszeit umfasst, während der im Werk beschriebene Vogelgesang in der Natur stattfindet. So wurden die Eröffnungssätze um vier Uhr morgens in der Landschaft von Suffolk gespielt. Wie durch ein Wunder klarte der Himmel Ostenglands zur erforderlichen Stunde auf und die aufgehende Sonne tauchte das Publikum in ihr Licht, exakt gleichzeitig mit den irisierenden Morgendämmerungsharmonien und Vogelrufen Messiaens…Aber man muss sich die Frage stellen: Was macht es einem Pianisten und überhaupt einem französischen Pianisten möglich, ein britisches Festivalpublikum in einem solchen Maß zu gewinnen, dass es in aller Frühe, um 3 Uhr morgens, sein Bett verlässt, um im Freien ein anspruchsvolles Meisterwerk moderner Klavierliteratur anzuhören?“

Ohne Frage, Pierre-Laurent Aimard ist ein Phänomen. Wer ihn jemals live im Konzert erlebt hat, wird den Eindruck von seinem heiligen Ernst, seiner ungeheuren Konzentration und Kontemplation wohl kaum vergessen. Und wer ihm persönlich begegnete, wird seine Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit – selbst Journalisten gegenüber –nicht vergessen. Typisch Aimard, stand dieser große Musiker bei der Preisübergabe fast schüchtern-unbeholfen auf der Bühne des Prinzregententheaters – um dann nach vielen Reden und Vorreden und der Präsentation der Förderpreisträger noch beinahe einen ganzen Klavierabend zu spielen, mit Werken von Benjamin, Kurtag, Ligeti, Stroppa und Carter – typisch Aimard eben.

Die Förderpreise gingen an Lisa Streich, Michael Pelzel und Simon Stehen Andersen. Das Münchner Kammerorchester spielte Auszüge aus Lisa Streichs versonnen-versponnenem Stück „Augenlieder“ für Gitarre (Laura Snowden) und Orchester (Leitung: Jonathan Stockhammer) und Pelzels jazzigem „Gravity’s Rainbow“ für Kontrabassklarinette (Ernesto Molinari) und Orchester.

Insgesamt schüttete die Siemens-Musikstiftung in diesem Jahr 3,5 Millionen Euro an Preis- und Fördergeldern aus, drei Millionen entfallen auf die Förderung von 130 Projekten weltweit – von Buenos Aires bis Budapest, von Island bis Isreael. Die EvS Musikstiftung unterstützt beispielsweise die lateinamerikanische Premiere von Georg Friedrich Haas‘ In Vain im berühmten Teatro Colón in Buenos Aires, das Cycle Music and Arts Festival in Island, das Festival Tzlil Meudcan (hebräisch: „Klang auf dem neuesten Stand“) in Tel Aviv oder einen Musiktheater-Workshop für junge Komponisten der Peter Eötvös Foundation in Budapest.

Der größte Anteil der Fördergelder finanziert und unterstützt Kompositionsaufträge an Komponisten wie Rebecca Saunders, Adriana Hölszky, Iris ter Schiphorst, Salvatore Sciarrino und Aribert Reimann. Auch Werke für außergewöhnliche Besetzungen wie zum Beispiel ein EGitarren-Quartett werden gefördert – hier ergingen Kompositionsaufträge an Alexander Schubert, Joanna Bailie und Christopher Trapani. Die irische Komponistin Ann Cleare schreibt im Auftrag des Ekmeles Ensembles aus New York ein Stück für Stimmen und Posaune. Das Ensemble intercontemporain, dessen langjähriger Solo-Pianist der diesjährige EvS Musikpreisträger Pierre-Laurent Aimard war, beauftragt sieben Komponisten – von Mark Andre bis Marko Nikodijevic – mit Stücken, die sich jeweils einem der sieben Schöpfungstage widmen.

Die EvS Musikstiftung unterstützt sowohl traditionsreiche Festivals wie die Donaueschinger Musiktage als auch kleinere Festivals wie beispielsweise die Gezeitenkonzerte 2017 in Ostfriesland, mit einem Komponistenporträt von Jan Müller-Wieland, oder Music Books II, das in diesem Jahr die Musik Salvatore Sciarrinos in das irische County Louth bringen wird. Die EvS Musikstiftung ermöglicht außerdem Konzerte wie die Dialoges with Latin America des mexikanischen Trios Morelia mit vielen Uraufführungen und mexikanischen Erstaufführungen, Kinder- und Jugendprojekte wie das BigBang-Festival in Hamburg, Tagungen wie die Darmstädter Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung sowie Publikationen wie die quellenkritische aufgearbeitete, für die musikalische
Praxis bestimmte Neuausgabe von Arthur Honeggers Le Roi David, um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Informationen zu allen Förderprojekten gibt es auf:
www.evs-musikstiftung.ch

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