Pianofestival Luzern

Klaviermeister und Klaviergeister

Zum 11. Mal gab es im November das Pianofestival des Luzern Festivals. Thema gibt es keines, dafür mitunter sehr eigenwillige Programme
(Luzern Ende November 2009) Einen Lehrer aus der Ferne, nennt Konstantin Scherbakov den großen Pianisten Wladimir Horowitz, den er zwar nie selbst getroffen hat, dessen Plattenaufnahmen er aber bis ins Detail analysierte, als er am Moskauer Konservatorium studierte. Auch wenn der 1963 in Sibirien geborene Scherbakov längst selbst eine eigene Weltkarriere gemacht hat, ist Horowitz für ihn noch immer eine Jahrhundertfigur. Und dieser vor 20 Jahren gestorbenen Pianistenlegende widmete Scherbakov sein Recital beim Piano-Festival in Luzern. Unter anderem auch mit fünf der von Horowitz so sehr geschätzten Sonaten des Barockmeisters Domenico Scarlatti.
Natürlich enthielt die Hommage an Horowitz auch noch pianistische Schwergewichte wie das grüblerische "Vallée d’Obermann" von Liszt oder die abgründige neunte Sonate von Skrjabin, die sicher nicht zu unrecht den Beinamen "Schwarze Messe" erhielt und die Scherbakov mit Tiefgründigkeit zu präsentieren wusste, wenngleich manches vielleicht auch etwas nüchtern klang.

Es sind diese durchaus auch sehr persönlichen Programme, die das Pianofestival des Luzernfestivals zu einer Bereicherung im Luzerner Festivalreigen werden lassen – das Pianofestival im Herbst und das Osterfestival mit einem gewissen Anteil geistlicher Musik sollen ein Gegengewicht zum großen Sommerfestival mit seinen großen Sinfoniekonzerten und berühmten Gastorchestern bieten. Intendant Michael Haefliger möchte den Musikern hier ganz bewusst einen Freiraum bei der Programmgestaltung bieten.

Auch das Mendelssohn-Bartholdy-Programm von Bernd Glemser (die zweite Häfte des Recitals war dann Chopin gewidmet) schien durchaus einer Herzensangelegenheit zu entspringen. Der konsequent unglamouröse deutsche Klaviermeister Glemser legte in der Abfolge von 14 "Liedern ohne Worte" und der unglaublich virtuosen und äußerst selten zu hörenden Fantasie fis-Moll (op. 28) die ganze Bandbreite des Mendelsohnschen Komponierens für Klavier dar. Vom zärtlich Liedhaften über das koboldhaft Verspielte bishin zur großen Virtuosengeste. Sein mitunter etwas ungelenk phrasierter Chopin blieb da weitaus uninteressanter.

Unter den Altmeistern beim diesjährigen Pianofestival ragte zweifellos der Italiener Maurizio Pollini heraus. Wenn Pollini Beethovens Sturm-Sonate (op. 31 Nr. 2) oder die berühmte Appassionata (op. 57) spielt, geht es um die Entfesselung existenzieller Konflikte und Kämpfe. Hier wird Musik jenseits aller auch gebotenen Tastenzaubereien zur Seinserfahrung. Faszinierend, wie energetisch und glasklar in der Diktion der 67-Jährige diese Musik interpretiert.

Nicht minder existenziell, aber aus einer völlig anderen Richtung, klingen die Sonaten der 2006 gestorbenen russischen Komponistin Galina Ustwolskaja. Zwischen Transzendenz und Verzweiflung bewegt sich die ungeschminkte und unerbittliche Klangsprache Ustwolskajas, der sich der Pianist und Konzertchef der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser schon seit langem sehr verbunden fühlt.

Die ehemalige Schostakowitsch-Schülerin kreiert in diesen Stücken eine ganz eigene und unabhängige, von großer Dringlichkeit und Unmittelbarkeit durchglühte Musik. Eine Musik die sich meist auf wenige motivische Kerne beschränkt und die damit – trotz ihrer Unerbittlichkeit und Radikalität – fasslich bleibt. Es spricht viel dafür, die sechs, in einem Zeitraum von ca. 40 Jahren entstandenen Sonaten zyklisch aufzuführen. So lässt sich die Radikalisierung der Klangsprache dieser außergewöhnlichen Komponistin am besten nachvollziehen.

Geradezu erschütternd, wenn in der fünften Sonate neben ungestümen erratischen Klanggebirgen auch ganz zarte, fast kindlich-naive Klänge aufscheinen. Auch wenn Ustwolskajas Musik nicht religiös motiviert ist, so ist sie doch spirituell geprägt. Markus Hinterhäuser lässt das Transzendente hinter dem Ingrimm immer wieder deutlich werden, wirft sich förmlich in diesen Kosmos aus Selbstentäußerung, verzweiflungsvoller Tragik und dem Wunsch nach Entgrenzung. Bishin zu den wie Stromstöße durch ihn hindurchzuckenden Clusterakkorden der sechsten und letzten Sonate aus dem Jahr 1988. Ein außergewöhnlicher "Klavierabend", der das Publikum vom ersten Ton an bis zum letzten in seinen Bann zog.
Auch das kann ein solches Festival ermöglichen – im "normalen" Konzertbetrieb wäre eine solchen Aufführung kaum denkbar.

Robert Jungwirth

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.