Pianisten-Profile

Pianisten-Profile

Ingo Harden/Gregor Willmes: „PianistenProfile“. 600 Interpreten, ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter-Verlag 2008. 798 Seiten, 69 Euro.

Auch wenn sich Plattenfirmen und Musikmanager immer wieder bemühen, die Zeiten der geradezu hysterischen Pianistenverehrung à la Liszt oder Chopin angelegentlich aufgehender Pianistensterne oder -sternchen neu aufleben zu lassen – diese Epoche scheint doch ein für alle mal vorbei zu sein. Was sicher auch mit der heutzutage kaum mehr einlösbaren Verbindung aus genialem Pianistentum und Komponistentum bei diesen beiden genannten Musikern zu tun hat.

Dennoch brachte natürlich auch das 20. Jahrhundert zahlreiche Pianisten oder Pianistinnen hervor, die geradezu kultische Verehrung genossen oder genießen – man denke nur an Glenn Gould, Vladimir Horowitz oder Martha Argerich, um nur drei zu nennen.
Auch wenn das Komponieren bei den meisten Pianisten heute wegfällt – Arthur Schnabel, Wilhelm Kempff oder Walter Gieseking haben noch zahlreiche Werke selbst komponiert – so verfügen Pianisten doch mehr als andere Instrumentalisten durch die Fülle der harmonischen Möglichkeiten ihres Instruments über ein gewissermaßen sinfonisches Ausdrucksspektrum im Musikalischen und Interpretatorischen. Das macht vermutlich die anhaltende Faszinationskraft der Klaviermusik für das Publikum aus, zum anderen fordert es den Pianisten eine entsprechend umfassende künstlerische Gestaltungskraft ab.

Das 798 Seiten starke Pianisten-Buch von Ingo Harden und Gregor Willmes widmet sich in sorgfältig recherchierten und kundigen Porträts nicht weniger als 600 Pianistinnen und Pianisten vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart (so kommt auch eine kurze Beschreibung von Brahms als Pianist vor). Dabei werden auch die Karrierenverläufe und die künstlerische Entwicklung der jeweiligen Musiker beschrieben und bewertet.
Der Anspruch, nahezu alle auch nur einigermaßen bekannten Pianisten mit einem kleinen Porträt zu würdigen, ist gewiss bewundernswert – zumal auch solche Pianisten Erwähnung finden, die sich als Kammermusikpartner oder Liedbegleiter hervorgetan haben – trotzdem hätte man der Übersichtlichkeit halber vielleicht eine strengere Auswahl treffen können.

Die Porträts zitieren Kritikerstimmen aus der jeweiligen Gegenwart des Pianisten, sparen aber auch nicht mit persönlichen, mitunter auch kritischen Werturteilen des jeweiligen Verfassers. Das ist mutig und anerkennenswert – und dadurch hebt sich das Buch auf erfreuliche Weise von dem heutzutage grassierenden PR-Stil im Musikjournalismus und in der Musikliteratur ab. Freunde der Klaviermusik erhalten mit den PianistenProfilen nicht nur einen profunden Überblick über mehr als 100 Jahre Interpretationsgeschichte, sondern gleichzeitig auch eine Anregung fürs eigene kritische Hören.

Robert Jungwirth

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