Philippe Manoury

Jenseits des Abgrunds

Kent Nagano Foto: Bayer. Staatsoper

Kent Nagano dirigiert die Uraufführung von „Abgrund“ des französischen Komponisten Philippe Manoury
(München, 26. November 2007) „Chronik eines Absturzes“ nennt Philippe Manoury sein jüngstes Orchesterstück „Abgrund“, entstanden als Auftragskomposition der Bayerischen Staatsoper und Kent Nagano gewidmet. Die Chronik beginnt brachial: fünf monolithische Klangblöcke rammt der Komponist in den akustischen Raum, bestehend aus clusterartigen Akkorden: beziehungslos, vereinzelt, ohne Entwicklung stehen sie da – man ahnt Verhängnisvolles. Weitere an- und abschwellende clusterhafte Tonballungen vermitteln zwar etwas mehr Lebendigkeit, allein der Eindruck des Unverbundenen, ja Autistischen bleibt erhalten. Worin der Absturz genau besteht, bzw. welche er Ursache er hat, bleibt offen. Vermutlich ist es auch mehr die menschliche Abgründigkeit im Allgemeinen, die Manoury meint – frei nach Georg Büchners Verdikt: „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinab sieht.“
Die anschwellende Abründigkeit gipfelt bei Manoury schließlich in einer Reverenz an Gustav Mahlers Holzhammer aus dessen verzweiflungsvoller sechsten Symphonie. Nach dem Tiefpunkt dann transzendentes Flirren, eine Art bläuliches Licht scheint am Horizont zu leuchten, ein Hoffnungsschimmer mit kreatürlicher Bewegtheit im Orchester – eine Hoffnung jenseits des Abgrunds?
Doch Manourys Werk ist bei aller Programmatik keine wirklich gelungene Komposition, dafür ist sie zu redundant und einsilbig. Kent Nagano, der sich dem Stück mit viel Hingabe widmete, vermochte diesen Eindruck nicht zu überdecken. Leider hat Nagano in München – wie es scheint – nicht wirklich eine glückliche Hand für Uraufführungen: Weder Wolfgang Rihms „Gehege“ noch Unsuk Chins „Alice“ noch jetzt Manourys „Abgrund“ haben Potential über die jeweiligen Uraufführungen hinaus.
Leider wurde der etwas unbefriedigende Eindruck durch Schumanns vierte Symphonie nicht korrigiert. Wie schon beim letzten Schumann-Konzert gelang es Nagano wiederum nicht, den romantischen Tonfall, die dialektische Tiefe der Musik zu verdeutlichen. Der Interpretation mangelte es entschieden an Geheimnis, an Hinter- und ja auch an Abgründigkeit und Spannung. Schumanns Vierte blieb an der Oberfläche tönend bewegter Form mit sportiven Akzentuierungen statt seelenvollen Musizierens. Selbst die Geigen klangen fiepsig und blass.
Bemerkenswert, die gute Leistung des Hörner-Quartetts in Schumanns selten gespieltem Konzertstück für vier Hörner in F-Dur mit Johannes Dengler, Franz Draxinger, Rainer Schmitz und Maximilian Hochwimmer, das zu Beginn des Konzert auf dem Programms stand. Hätte Nagano die Musiker etwas weiter nach vorne gestellt, wäre der Eindruck eines „Konzerts“ vermutlich noch schöner zum Tragen gekommen.
Robert Jungwirth

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