Philharmoniker Stenz

Die Grenzen des Klangs

Markus Stenz Foto: Münchner Philharmoniker

Die Münchner Philharmoniker unter Markus Stenz in der Philharmonie im Gasteig
(München, 16. Mai 2007) Irgendetwas stimmt nicht mit den Münchner Philharmonikern in diesem Jahr. Aus keinem der letzten Konzerte ist man mit einem guten Gefühl hinaus gegangen. Mal klang das Orchester verspannt, mal orientierungslos, dann hinterließ es den Eindruck, nicht so recht bei der Sache gewesen zu sein. Gerade im Vergleich mit der Konkurrenz vom Bayerischen Rundfunk, wo das Sinfonieorchester zusammen mit Mariss Jansons auf einer Wolke der Wonne dahinmusiziert, scheinen die Philharmoniker durch ein Tal der Mühsal zu stapfen. Auch Markus Stenz, ein insgesamt frohgestimmter, optimistischer und sehr kommunikativer Dirigent, konnte sie da nicht herausholen.
Dabei sorgte Stenz in der jüngsten Serie der Abonnementskonzerte in der Philharmonie im Gasteig so engagiert für gute Stimmung im Publikum. Er nahm ein Mikrophon und erzählte mit fester jugendlicher Stimme von den Schwierigkeiten und Vorzügen der neuen Musik in diesem Programm, dem Orchesterwerk „Photoptosis“ von Bernd Alois Zimmermann und der Uraufführung von „Brüchstück“ des in Wien lebenden Komponisten Georg Friedrich Haas. Das machte Stenz vorbildlich, Infotainment im besten Sinne. Denn der Zugewinn an Wissen war verbunden mit dem Vergnügen an der Präsentation.
„Photoptosis“ war dann auch das einzige Stück des Abends (zu dem noch Webers Ouvertüre zu „Der Freischütz“ und das Violinkonzert von Max Bruch gehörten), das die von Stenz verkündete Stimmung auch einlöste. Zimmermanns Komposition ist eine Hommage an den Orchesterklang. Er verschmilzt alle Farbtöne zu einem größeren Ganzen, das sich schließlich selbständig macht. Motive, Akzente dringen daraus heraus. Auf dem Höhepunkt, kurz vor dem Ende scheint sich der Klang von denen, die ihn erzeugen, loszulösen. Das ist das Ziel, dahin geht das große Crescendo. Als habe es hier die Gelegenheit gegeben, einem angestauten Irgendwas Luft zu machen, blieben die Philharmoniker diesem Ziel auf der Spur, um es schließlich wie ohne Anstrengung zu erreichen. Der große Klang stand schillernd im Raum, dann erlosch er abrupt.

Sind es solche Visionen, die den Musikerinnen und Musikern derzeit fehlen?
Denn die Romantik in Weber und Bruch war so formlos, ohne Kontur und Anspruch wie bei einem Gastkonzert in einem drittklassigen Konzertsaal. Die Freischütz-Ouvertüre schleppte, fett und schwerfällig an einem Wohlstandsbauch der Wirtschaftswunderjahre; das Adagio des Bruch-Konzerts ließ Stenz säuseln und wabern wie im Heimatfilm und die Solistin Arabella Steinbacher hatte dem nichts entgegen zu setzen. Das Allegro energico litt wieder unter der Verfettung der Riesenbesetzung, die auch nicht die Raffinesse im Klang aufbrachte, um wenigstens oberflächlichen Glanz zu erzeugen.

Für das Fiasko der Uraufführung allerdings, dem an den österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas ergangenen Auftragswerk „Bruchstück“ für großes Orchester, kann das Orchester nichts. Da bekam man wieder einmal in aller Deutlichkeit zu hören, dass manche der zeitgenössischen Komponisten keine Ahnung von Orchestrierung haben. Mangels Kenntnis versuchen Sie, das Orchester als eine Einheit zu behandeln und damit einen Klang zu erzeugen, den sie dann manipulieren.
Haas ist vor allem bekannt als sensibler Klangtüftler, der mit den geeigneten Mitteln und Musikern Klänge entstehen lassen und sie wie an Spinnweben unter Spannung halten kann. Unmerklich wechseln die Klänge von einer Farbe, eigentlich: von einem Aggregatszustand zum anderen. Das sollte wohl auch in „Bruchstück“ geschehen, in dem es um die Wirkung der Obertöne geht. Aber genauso hätte man einen Sinustongenerator auf die Bühne stellen und dessen Hervorbringung verstärken können. Was von der Arbeit von rund hundert Orchestermusikern beim Hörer ankam, war ein Brummen, das immer mehr auf die Nerven drückte. Es mag schick sein, den Begriff von Musik so weit zu negieren, wie es geht. Aber es ist schlicht und einfach eine Zumutung, dem ohnehin von Geräuschen geplagten Menschen auch im Konzert nur noch Geräusch vorzusetzen, ohne einen Funken dessen, was man „tönend bewegte Form“ nennen könnte. Wenigstens hat dieses Stück gezeigt, wo die Grenzen des Experimentierens mit einem Orchester liegen und es ist den Philharmonikern hoch anzurechnen, dass sie sich darauf eingelassen haben. Die Arbeit an den Facetten der Romantik wäre aber wichtiger.
Laszlo Molnar

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