Philharmoniker Järvi

Auf der Stuhlkante

Paavo Järvi Foto: EMI Classics

Die Münchner Philharmoniker und Janine Jansen unter Paavo Järvi mit Bartók und Schostakowitsch

(München, 3. Dezember 2009) Bis zum Beginn von Dmitri Schostakowitschs Sechster hörte sich dieses Philharmoniker-Konzert unter Paavo Järvi ganz nach heiterer Winter-Depressions-Therapie an: Denn der zweite Satz aus Mahlers dritter Symphonie in der Kammerfassung von Benjamin Britten verströmte heitere Sommergefühle und auch bei Bartóks erstem Violinkonzert und seiner ersten Rhapsodie konnte man die Seele baumeln lassen. Doch mit dem düsteren Streicherbeginn der Schostkowitsch-Symphonie waren alle Sonnenstrahlen verflogen und auch bei den gleißenden, sich wild in die Ohrmuscheln drehenden Rossini- und Lehár-Verfremdungen des Finales wußte man nicht so recht, ob man lachen oder weinen sollte.

Erst einmal aber die sanft verschlankte Version des "Tempo di Menuetto" aus Mahlers Dritter, dessen graziöser Tonfall von Britten betont wird, der später bis ins Melodische hinein das Finale der Vierten prägen wird. Fast nahtlos konnte danach der zart schwelgerische Tonfall des "Andante sostenuto" aus Bartóks erstem Violinkonzert anschließen. Dem "Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen", so der ursprüngliche Titel Mahlers, folgte das Porträt der Geigerin Stefi Geyer, in die der 26-jährige Bartók verliebt war. Doch wie das so ist mit unerwiderter Liebe, das dankbar angenommene Geschenk eines wunderbaren Violinkonzerts – bei gleichzeitiger Bitte, sie nie wieder zu behelligen! – landete bei der Angebeteten für 50 Jahre (!) in der Schublade und konnte erst nach ihrem Tod 1958 uraufgeführt werden. Eigentlich hätte sich die Dame geschmeichelt fühlen sollen: War schon der erste Satz "überirdisch und innig" gemeint, so sollte der zweite Satz ein "fröhliches, geistreiches, amüsantes" Konterfei der "lebhaften Stefi Geyer" sein – und ist es auch geworden.

Eigentlich muss dieses Konzert eine junge Frau spielen. Und jemand wie Janine Jansen ist dafür die ideale Interpretin. Denn mit soviel zärtlicher Innigkeit im ersten, soviel Verve und lebhaftem Draufgängertum bei größtem Charme und auch momentweiser Zurückhaltung kann das – und will das auch mutmaßlich – kaum ein Mann spielen. Die 1928 entstandene Rhapsodie für Violine und Orchester Nr. 1 Sz 87 war dann Folklore pur, mit einem durchaus immer wieder eigentümlich sich in den Vordergrund spielenden Cymbalisten. Danach verbot sich eine Zugabe, da dieses Stück quasi eine solche in zwei Teilen darstellt.
Das Kontrastprogramm folgte auf dem Fuße. Und wieder einmal zeigte sich, dass es Werke gibt, die, zumindest in der Mitte von Block I und H, also im Herzen der Philharmonie hervorragend klingen. Wann je hört man den sarkastischen Tonfall, das grimmig Grelle und doch – im Finale – eigentümlich forciert Lebensbejahende der Sechsten so differenziert, so durchsichtig wie hier. Das ist aber auch Verdienst der Philharmoniker unter Järvi, der die Partitur penibel geprobt haben muss und seine Musiker derart befeuern konnte, dass sie gleichsam auf der Stuhlkante musizierten.
Klaus Kalchschmid

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