Pfitzner Metzmacher

Schwermütig glühend

Ingo Metzmacher mit Pfitzners „Von deutscher Seele“ auf CD
Wer nicht weiß, dass diese gewichtige, anderthalb Stunden dauernde „Romantische Kantate“ für vier Solisten, Chor und Orchester auf Texte Joseph von Eichendorffs aus der Feder Hans Pfitzners stammt und den Titel „Von deutscher Seele“ trägt, der könnte ihre Musik ganz unbefangen hören: Wunderbar melodisch ist sie, harmonisch reich komponiert und großartig instrumentiert, gegliedert durch ausgedehnte, atmosphärisch dichte Orchesterzwischenspiele. Doch Pfitzners Rolle in der Nazizeit und sein Antisemitismus haben dieses nur vermeintlich deutschtümelnd-nationalistische spätromatische Werk aus dem Jahr 1921 gebrandmarkt.
Nur wenige Aufnahmen sind überhaupt je von diesem Werk veröffentlicht worden, darunter ein grandioser Livemitschnitt vom Januar 1945 (!) mit den Wiener Philharmonikern unter Clemens Krauss mit Trude Eipperle, Luise Willer, Julius Patzak und Ludwig Weber (Preiser Records), einer vom Juli 1952 unter Eugen Jochum (Orfeo) sowie eine Studioaufnahme unter Joseph Keilberth (1965).
Die bislang jüngste, von Martin Sieghart dirigierte Aufnahme stammte von 1999. Nun hat Phoenix Edition einen Mitschnitt eines Konzerts vom Oktober 2007 mit dem Deutschen Symphonieorchester und dem Rundfunkchor Berlin unter Ingo Metzmacher heraus-gebracht. Schon aufnahmetechnisch ist er allen vorangegangenen Interpretationen überlegen. Darüber hinaus entfaltet Metzmacher nicht nur in den Zwischenspielen, etwa der ausgedehnten „Nacht“-Musik und „Tod als Postillon“ im „Mensch und Natur“ überschriebenen ersten Teil oder im veritablen, schwebenden Flötenkonzert von „Ergebung“ einen Klangzauber allererster Güte.
Ob das Werk an Schumann, Wagners „Parsifal“, Bruckner oder Mahler gemahnt bis hin zu Anklängen an den Zeitgenossen Schreker: Metzmacher gelingt mit dem großartig differenziert musizierenden DSO Berlin eine bestechend schöne, farbige, oft düster und schwermütig glühende, immer tiefenscharfe und spannungsvolle Interpretation.
Auch im Verein mit den Sängern, Solveig Kringelborns sanftem Sopran, der großartig dunklen Altistin Nathalie Stutzmann, Wagner-Tenor Christopher Ventris, dem mächtigen Bassbariton Robert Holls und dem exzellenten Rundfunkchor Berlin, ereignen sich Momente geheimnisvollen Zaubers und überwältigender Dramatik in diesen drei Teilen, die vom kurzen, entbehrungsreichen, gottergebenen Leben des Menschen handeln und von seinem Kampf um ein wenig Glück und Sinnhaftigkeit.
Wie Mahlers Achte, die „Symphonie der Tausend“, endet das Werk mit großer Emphase und affimativer Kraft als Sieg des Menschen, der das Jammertal der Erde hinter sich läßt und den Blick auf’s Jenseits richtet.
Klaus Kalchschmid
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